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Beschneidung
von Mädchen im Sudan - Mühsamer Kampf gegen eine alte Tradition
Barbara Schumacher
Dr. Amna Abdel Rahman Hassan zeigt mir voller Verbitterung eine Ausgabe der im Sudan erscheinenden Arabisch-sprachigen Tageszeitung Al Dar. Auf der Titelseite ist die 3-jährige Inaam abgebildet, sie liegt tot auf dem Rücken, die Handflächen, die zur traditionellen "Feier" ihrer Beschneidung mit Henna bemalt wurden, zeigen nach oben. Im Zeitungsartikel wird die Beschneidung (der englische Fachausdruck ist Female Genital Mutilation (FGM) oder circumcision) mit scharfen Worten verurteilt. "Schon seit Jahren berichten die Zeitungen Watan und Al Dar über diese grausamen Praktiken - ich bin entschlossen, diesen Fall jetzt vor Gericht zu bringen, obwohl es aussichtslos ist, denn es gibt kein Gesetz im Sudan, das die Beschneidung von Mädchen verbietet". Dr. Amna ist Executive Secretary des "Sudan National Committee on Harmful Traditional Practices" (SNCTP) in Sudans Hauptstadt Khartoum und Vizepräsidentin des "Inter African Committee on Traditional Practices" (IAC). Ihre 400 Seiten umfassende Doktorarbeit hat sie an der Africa University in Khartoum gemacht - Thema: "Psychologische Interaktion und sexuelle Konsequenzen der weiblichen Genitalverstümmelung". Ihre Untersuchungen dazu bezogen sich auf den Zeitraum von 1996 bis 2000 mit dem Orts-Schwerpunkt Khartoum.
"Die beiden größten Hindernisse für die Abschaffung der Beschneidung sind einerseits der Irrglaube der Mehrzahl der Bevölkerung an einen starken Zusammenhang zwischen Beschneidung und Religion und andererseits der gesellschaftliche Druck, unter dem auch gebildete Bevölkerungsschichten stehen - vor dem Hintergrund einer 2000 Jahre alten Tradition. Obwohl wir die negativen Konsequenzen in den Medien und in unseren Beratungs- und Informationsstellen immer wieder auf drastische Weise schildern, lassen sich die Menschen davon kaum beeindrucken. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die folgenden Aspekte hinweisen:
1.
Gesundheitlicher Aspekt: Schon
Tage vorher werden die Mädchen auf die Beschneidung vorbereitet.
Das erzeugt eine wahnsinnige Angst und einen ungeheuren
psychologischen Druck, der sich nach der Beschneidung auch physisch
und mental auswirkt, bis zur geistigen Verwirrung der Mädchen,
wenn sie die Prozedur überleben.
2. Bildungsaspekt: Im Sudan existiert kein Sexualkundeunterricht.
Obwohl wir dafür gesorgt haben, dass das Thema in das Curriculum
aufgenommen wurde, weigern sich die Lehrer, es an den Schulen
zu behandeln.
3. Gesellschaftlicher Aspekt: Unausgesprochen ist durch
jahrtausende alte kulturelle Hintergründe ein Teufelskreis
aufgebaut. 85% der Frauen im Land sind Analphabetinnen, die glauben,
dass sie nur beschnittene Töchter verheiraten können.
Die traditionellen Geburtshelferinnen, die Hebammen (mid-wife)
verfügen über keinerlei Ausbildung, führen jedoch
den Eingriff durch (teilweise mit rostigen Rasierklingen). Sie
machen keine Abtreibungen, denn sie wissen, dass diese gegen das
Gesetz sind, aber sie praktizieren die Beschneidung, da dies kein
Gesetz verbietet. Die Männer halten sich aus dem Thema heraus
und sagen: das ist Frauensache.
4. Gesetzlicher Aspekt: 1946 wurde unter britischer Regierung
vom Vater des Mahdi ein Gesetz erlassen, das die totale Beschneidung
verbot, aber eine Lücke ließ für die Sunna-Methode
(Entfernung der Klitoris). 1983 wurde dieses Gesetz vom Numeiri-Regime
gestrichen. Daran hat sich bis heute nichts geändert; d.
h. es gibt kein Gesetz gegen die Beschneidung.
5. Krimineller Aspekt: Die Hebammen führen bei Prostituierten
Eingriffe (decircumcision) aus, um zu verschleiern, dass die Mädchen
entjungfert sind. Prostituierte werden damit gedeckt. Die Hebammen
kassieren für diese Dienste beträchtliche Geldmengen
und Schmuck. Alle Versuche, den Hebammen andere Einkunftsmöglichkeiten
zu verschaffen, sind gescheitert. Selbst wenn sie andere Einkommen
haben, nehmen sie das Beschneidungs- oder Decircumcision-Honorar
zusätzlich.
6. Religiöser Aspekt: Missverständnisse und Mißinterpretationen
der Hadiths des Propheten ermöglichen es, sich auf religiöse
Gründe zu stützen. Weder im Islam noch im Christentum
gibt es die Beschneidung. Mohammed ließ seine weiblichen
Familienmitglieder nicht beschneiden. Diejenigen Muslime, die
die Beschneidung fördern, haben dafür finanzielle Motive.
Ganz fatal wird die Sache dann, wenn bekannte Imame ihre Ansichten
sogar auf Kassette verbreiten. Sie missbrauchen ihr Ansehen und
ihren Einfluss.
7. Kultureller Aspekt: Man muss sich fragen, warum Traditionen
noch in der heutigen Zeit so mächtig sein können, dass
Mädchen bei lebendigem Leibe, im Beisein der eigenen Mutter,
verbluten oder, wenn sie überleben, über keinerlei sexuelle
Gefühle mehr verfügen, unter lebenslanger Folter leiden
und dadurch ihr ganzes Leben in Rückständigkeit verbringen.
8. Politischer Aspekt: Auf die Frage an die Politiker,
warum sie kein Gesetz gegen die Beschneidung erlassen, wird so
geantwortet: Wenn wir etwas gegen die Öffentlichkeit und
gegen die Privatsphäre tun, dann verlieren wir die Macht.
Allerdings haben sie "Grünes Licht" für Aufklärungskampagnen
gegeben und hoffen, dass sich das Problem mit den Jahren von selbst
löst - genau so, wie z. B. die Tradition der Markierung der
Stammeszugehörigkeit auf den Wangen der Männer, die
heute ausgestorben ist.
9. Aspekt der Unmoral: Prostituierte verbreiten Aids. Beschneidung,
Decircumcision und mangelnde Hygiene sind dafür der Grund.
10. Aspekt fehlender Entwicklung der Frauen: Es gibt für
beschnittene Mädchen keine Entwicklung und keine Zukunft.
Schon in der Schule können sie sich wegen der dauernden Schmerzen
auf Grund ständiger Infektionen nicht konzentrieren. Die
Folge sind schlechte Zeugnisse. Eine Konzentration auf eine bestimmte
Tätigkeit ist praktisch unmöglich. Dadurch sind sie
gegenüber den Jungen eindeutig benachteiligt - von der Schule
bis zur Universität (falls sie es überhaupt bis dorthin
schaffen). Es gibt genügend Beispiele bei Ganztagsschulen,
in denen die Mädchen krank im Bett liegen, während die
Jungen lernen. Das ist Diskriminierung. Im Berufsleben gibt es
für die Frauen einen von der Regierung offiziell etablierten
"Gesundheitstag" pro Monat. Die Ausfallsumme ist leicht
zu errechnen. Wir ruhen nicht, der Regierung die wirtschaftlichen
Nachteile vor Augen zu führen.
11. Aspekt der Menschenrechte: Wir töten selbst unseren
Nachwuchs und unsere Zukunft. Inzwischen ist wissenschaftlich
erwiesen, dass Ehen mit beschnittenen Frauen nur unglücklich
sein können, niemand redete früher über die von
Ehemännern praktizierte Gewalt in der Ehe. Das hat sich geändert,
das Thema wird von den Medien aufgegriffen. Die bekannte Journalistin
Bakhita Amin hat sich dem Thema angenommen, genauso wie die Fernsehmoderatorin
Saher Hajalmin. Zunehmend flüchten Frauen vor ihren Männern.
74% der Männer sagen, dass ihnen die Ehe keinen Spaß
macht und beklagen die ewigen Infektionen ihrer Ehefrauen. Resultat:
Immer mehr Mädchen entschließen sich dazu, ledig zu
bleiben.
12. Aspekt der Zuständigkeiten: Gesundheitsministerium
und Innenministerium sollten sofort zusammenarbeiten, um die Praxis
der Beschneidung zu beenden. Seit September 2005 kümmert
sich der Sudan Medical Council um das Problem und stoppte z. B.
die Arbeit von drei Medizinerinnen, die in einer Klinik die Sunna-Methode
offiziell praktizierten. Auch Beschneidung in der Klinik unter
hygienischen Verhältnissen wollen wir nicht, denn die o.
g. negativen Auswirkungen bleiben ja bestehen - wir wollen die
Beschneidung komplett und kompromisslos abschaffen".
Auf meine Frage, wie lange sie schon gegen die Beschneidung
kämpft und ob ihr aktuelles statistisches Material bekannt ist,
antwortet sie: "Ich arbeite jetzt seit über 20 Jahren in diesem
Bereich. Ich sehe durchaus einen gewissen Fortschritt: von den
1980 geborenen Mädchen verfügen wir über folgende Angaben: 57%
sind vollständig beschnitten - ihre Mütter waren es noch zu
84%. 33% sind beschnitten nach der Sunna-Methode, 10% sind nicht
beschnitten. Wir gehen davon aus, dass der Prozentsatz der nicht
beschnittenen Mädchen tatsächlich höher ist. Sie geben dies
nicht offen zu, schon gar nicht unter Anwesenheit Dritter, da
sie den gesellschaftlichen Druck fürchten. Die Frauen in den
Ministerien, im Parlament, Mitarbeiterinnen bei den zahlreichen
NGOs, auch in meiner eigenen Organisation sind nicht beschnitten,
auch nicht die Frauen in deren jeweiligen Familien. Gleiches
gilt für viele Studentinnen an den Universitäten. Das ist eine
positive Entwicklung, aber wir dürfen in unseren Bemühungen
nicht nachlassen." - "Gibt es spezielle Aufklärungsprogramme?"
- "Ja, wir kümmern uns um die Jugend und um die religiösen Führer
und sprechen die Imame an. Ein ganz spezielles Programm richtet
sich an die jungen Männer, die wir nach ihrem Schulabschluss
in den Militärtrainingslagern ansprechen und aufklären. Diese
jungen Männer versprechen, keine beschnittenen Frauen zu heiraten.
Sie empfinden beschnittene Frauen als Behinderte. Und wer will
schon eine Behinderte heiraten? Ferner gehen wir in die Dörfer
auf dem Land und zeigen extrem grausame Videos mit realistischen
Beschneidungsszenen. Wir bemühen uns zu vermitteln, dass Frauen
und Männer gemeinsam an der Lösung des Problems arbeiten müssen.
Wir haben spezielle Teams gebildet, die mit einer Aufklärungskampagne
über Land ziehen. Für diese Teams ist es uns gelungen, religiöse
Führer zu gewinnen und wir erhoffen uns davon Erfolg - insbesondere
bei der einfachen Bevölkerung auf dem Land. Diese Aktionen verschlingen
viel Geld, außerdem brauchen wir finanzielle Mittel z. B. für
den Druck von Broschüren, die zum Teil so aufbereitet werden
müssen, dass sie mit Hilfe von Bildmaterial auch die Analphabeten
erreichen".
Kontakt:
Frau Dr. Amna Abdel Rahman Hassan
Sudan National Committee On Harmful Traditional Practices (SNCTP)
P. O. Box 10418
Khartoum
Sudan
snctpiac5$hotmail.com
(Ersetzen Sie das $-Zeichen durch das in der e-mail-Adresse
übliche.)
www.snctp.org
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(Bitte auch hier das $ Zeichen durch das in der Mail-Adresse
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