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Festivals in der arabischen Welt


Libyen

Ghadames International Tourist Festival

Text und Fotos: Barbara Schumacher

Die etwa 8000 Einwohner zählende Wüstenstadt Ghadames, sieben Autostunden in südwestlicher Richtung von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt, liegt unmittelbar an der Grenze zu Algerien am Fuß einer gewaltigen Dünenlandschaft. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt von den Franzosen unter General Leclerc besetzt, 1955 verließen die letzten französischen Truppen den Ort und hinterließen Brunnen, Elektrizitätsstation, Flughafen und eine französische Schule in der Altstadt. Gebildete Einwohner über 60 Jahren erinnern sich noch an diese Bildungsstätte und kramen, wenn die Rede von der Schule ist, ihre Französischkenntnisse hervor. Marcel Hongrois schrieb eines der wenigen historischen Bücher über die Altstadt von Ghadames unter dem Titel: Antique Ghadamès: Une rose des sables scintillant, erschienen im Pariser Verlag Hecate.

junge Frau in Festkleidung

Die Altstadt diente auch als Schauplatz für Spielfilme, der berühmteste von ihnen ist "Das schwarze Zelt" mit Sophia Loren und John Wayne. An die Dreharbeiten erinnern sich manche Einwohner, von denen einige stolze Besitzer vergilbter schwarz/weiß Fotos der Stars sind.

Der Besuch der völlig intakten und bestens erhaltenen Altstadt von Ghadames lohnt sich auch außerhalb des Festivals. Das Besondere an der Altstadt ist, dass sie nicht aufgegeben sondern von den Einwohnern der neuen Stadt, deren Familien früher die Altstadt bewohnt hatten, gepflegt wird. Das gilt sowohl für die Häuser als auch für die die Altstadt umgebenden Palmenoasengärten, die in Privatbesitz sind. Auch die kleinen Moscheen der Altstadt werden zum Freitagsgebet von den aus der neuen, modernen Stadt dorthin strebenden Ghadamesern besucht. Die Architektur der weißen, 2-3geschossigen Häuser aus Lehm, Sandstein, Palmwedeln und Palmenstämmen in der Altstadt ist einmalig: Wohn- und Vorratsräume sind auch innen weiß gekalkt. Das Reich der Frauen befindet sich im obersten Stock in der Nähe der Küche, mit einem kleinen Raum (koubka), der nur zweimal im Leben der Hausbewohner benutzt wird: zur Hochzeit und zum Empfang der Trauergäste, wenn der Hausherr verstorben ist. Die Frauen konnten sich von Dach zu Dach bewegen und sie waren es, die wegen der guten Aussicht die ankommenden Karawanen als erste bemerkten. Geheimnisvolle Zeichen an den Häuserwänden, unwirkliche Stille und ständiges Wechselspiel von Licht und Schatten; stockfinstere, auch im Sommer kühle Gassen, auf deren Sandwegen sich lautlos Passanten begegnen, plötzlich sich öffnende Plätze im gleißenden Sonnenlicht, Moscheen, vor denen sich die alten Männer versammeln, verwinkelte Arkadengänge mit in die Häuserwände einbezogenen Sitzgelegenheiten: man kann sich leicht verirren im Labyrinth der von den wunderschönen, bewirtschafteten Oasengärten umgebenen Altstadt: ehemaliger Karawanen Knotenpunkt, Wüstenstadt der Tuareg, UNESCO Weltkulturerbe und Schauplatz eines alle Sinne betörenden, jährlich an drei Tagen im Oktober stattfindenden Festivals. Wenn früher das "Ghadames Festival" noch ein Geheimtipp für Einheimische und wenige Besucher war, so hat es sich in den letzten Jahren kontinuierlich vergrößert und zieht nun Touristen aus aller Welt an - folgerichtig wurde der Name in "Ghadames International Tourist Festival" geändert.


Dieses Festival sucht seinesgleichen an Sinnlichkeit, Schönheit, Ursprünglichkeit, Unschuld und Farbenpracht der in traditionelle Kleidung gehüllten Jungen, Mädchen, Frauen und
Männer, die sich zu arabischen Tönen von Olivenholz-Flöte, Trommeln und Magruna (einer Art Dudelsack) präsentieren und dem Höhepunkt des Abends, der Eröffnungsfeier, entgegen fiebern: dem Einzug der Tuareg. Den Tuareg Männern, stolz verschleiert auf stattlichen Kamelen, folgen die unverschleierten Frauen, mit Gazellenaugen, bildschön, gertenschlank in glitzernden Gewändern, nicht minder stolz erhobenen Hauptes dahin schreitend. Raunen, dann Riesenbeifall kommt sowohl von der Tribüne der festlich bunt gekleideten Frauen, als auch von den übrigen Zuschauern und Mitwirkenden jeden Alters, die sich auf dem großen Festplatz des modernen Teils von Ghadames versammelt haben und ihre Begeisterung mit den von Jahr zu Jahr mehr werdenden Besuchern teilen. Mit den jüngeren Leuten, auch den Tuareg, die vielfach englisch sprechen, kommt man leicht in Kontakt.

junge Frauen sieben Hirse

Am zweiten Tag des Festivals hat sich die Altstadt in einen bunten Markt verwandelt. Ahmed Haba empfängt uns in der traditionellen Kleidung eines ghadamesischen Bräutigams mit weiter Hose, langem Hemd und Weste im schönsten Haus der Altstadt, das als Museum eingerichtet ist. "Ich habe dieses Haus dekoriert", meint er stolz und zeigt auf den Wandschmuck, die Bilder, die bunten Kissen, Möbel, Kleidungsstücke und Spiegel. Wertvolle, antike Schriften über die früher praktizierte Wasserverteilung lassen sich in der Bibliothek finden. In etwa zwanzig weiteren Häusern spielen vor ähnlicher Dekoration traditionell gekleidete Musikgruppen auf traditionellen Instrumenten. Im letzten Haus empfängt uns ein Kind mit leisem Stimmchen: "Willkommen zu Hause" und reicht uns frische Datteln in einem bunten Körbchen aus Stroh oder Bambus/Palmwedelgeflecht.

Zwei Kilometer entfernt ist das alte Dorf Tunine, gelungen restauriert, wieder zum Leben erwacht. Wie in früheren Zeiten kann man beobachten, wie Wasser aus dem historischen, aber noch gut funktionierenden Brunnen geholt wird und man kann die traditionellen Handwerkskünste bestaunen: Spinnen, Weben, Steine formen, begleitet von den für westliche Ohren fremden, etwas unheimlich wirkenden Gesängen und Riten der Sufi-Bruderschaft Moly el Taib.

Der dritte und letzte Tag des Festivals gehört den Tuareg allein. Am Morgen haben sie vor den Toren der Stadt in großem Rund Zelte aufgeschlagen und demonstrieren den Tuareg Alltag der Vergangenheit. Der Nachmittag steht im Zeichen wilder Kriegstänze der Männer, begleitet von ihren singenden, trillernden und Trommel schlagenden Frauen vor der Kulisse der hinter hohen, langgestreckten Sanddünen blutrot untergehenden Sonne. Für das leibliche Wohl sorgen grüner Tee mit frischer Minze, Datteln und im Wüstensand frisch gebackenes Brot.

Information: Der Festival-Termin wird jedes Jahr relativ kurzfristig vom Libyschen Tourismusministerium festgelegt. 

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