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Um Kulthoum - zwischen Mystik, Legende
und Realität
Mohamed Askari
Ein panarabisches Phänomen, das sich seit mehr als einem halben Jahrhundert hält. Seit ihrem Tod wird sie mehr und mehr glorifiziert. Nur wenige Daten und Fakten sind in der westlichen Welt über Um Kulthoum bekannt. War sie wirklich diese Wunderstimme? Wie politisch oder patriotisch war sie? Was verbirgt sich hinter der äußeren Fassade von Glanz und Ruhm? War sie völlig außer Konkurrenz? Hatte sie überhaupt eine eigene Familie?
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Um Kulthoum
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Um
das musikalische Phänomen und die Person Um Kulthoums besser einordnen zu können, ist es notwendig, ihr historisches
und soziales Umfeld näher zu beleuchten. Daher fällt diese
Einleitung möglicherweise ein wenig lang aus.
Das musikalische Leben in Ägypten Anfang des 20. Jahrhunderts
Damals gab es etwa fünf Musikschulen für arabische Musik in Ägypten. Dort wurde ausschließlich
Instrumentalunterricht gegeben, einschließlich der Schlaginstrumente.
Diese Schulen waren eingerichtet worden, um vor allem Militärmusiker
zu schulen. Das arabische Theater steckte zur gleichen Zeit in den
arabischen Ländern noch in den Kinderschuhen. Die Straßencafés
waren damals Treffpunkt von Literaten und Intellektuellen - wie
wir sie heute nennen würden. Besonders in der Mohamed-Ali-Straße in Kairo waren die Cafés stark von Literaten frequentiert,
weil sich in der Nähe das Dar el Kutub (die damals größte
Bibliothek in Ägypten) befand. Weitere bekannte Cafés
waren die Bar Al-Lewa (=Kompanie) und Bar Angelo. Auch damals schon von Dichtern bevorzugt wurde das Mokka al
fen (=Café der Künste), das als einziges heute
noch existiert und unter dem Namen Fischauwi in fast
jedem Ägyptenführer zu finden ist.
In den Cafés bekamen die Musiker ihre Aufträge. Sie
hatten also etwa die Funktion von Agenturen - wie übrigens
in Istanbul, das ja auch zum osmanischen Reich gehörte
wie Kairo, schon seit mehr als 250 Jahren. In den Straßencafés
selbst wurde aber auch musiziert. Es war bis etwa zur Jahrhundertwende
üblich, daß der Sänger, der etwas vorführen
wollte, mit den Musikern, die am Ort waren, vorlieb nehmen mußte.
In der Regel handelte es sich dabei um Instrumentalisten, die Arghul, Qanun und Oud spielten. Aus diesen Straßencafés
gingen auch die Lehrer Um Kulthoums hervor wie z.
B. Hussein el Tarzi (= der Schneider), Aboul Ela Mohamed, Abdoul Hamouli. Sie alle waren Sänger und Instrumentalisten.
Im Café Riche (=Federn) wurden erstmalig musikalische
Abende veranstaltet. Besonders Musiker wie Abdoul Hamoulitraten
dort auf. Später zogen andere Straßencafés nach
und bald hatte jedes Café einen bestimmten Sänger, de
dort auftrat. Am Ezbikeya gab es einen speziellen
Veranstaltungsort, der ursprünglich eingerichtet war für
die englischen Soldaten, jetzt aber von der höheren Gesellschaftsschicht
genutzt wurde. Ins Café Riche kam auch Um
Kulthoum und trug dort religiöse Lieder vor. Sie sollte
dort Aboul Ela Mohamed vorsingen. Zu der Zeit war
sie etwa 13 Jahre alt.
Das musikalische
Leben um 1900 spielte sich daneben hauptsächlich in den 5 Musikschulen
ab. Es war stark von türkischen Einflüssen (osmanisches
Reich) geprägt. Die Liedgattung Muwaschahatzum
Beispiel ist stark vom türkischen Geschmack geprägt. Auch
Füllworte wie "Aman", "Ya Lalali", "Ganim"
stammen aus dem Türkischen. Typisch ägyptisch waren dagegen
die Mawal (Volksdichtung in Umgangssprache in vier
Versen). Die poetischen Themen umfaßten Glück, Liebe,
Sehnsucht, Eifersucht, Gefühle ganz allgemein, auch Bauernweisheiten,
die oft den bekannten Schuß ägyptischer Bauernschlauheit
enthielten. Sie wurden begleitet von Arghul, Qanun und Oud.
Bis
zu Abdoul Hamouli (1840 - 1901) war es üblich,
daß der Sänger von den im jeweiligen Straßencafé
anwesenden Musikern begleitet wurde. Sie waren sozusagen Teil des
Inventars des Straßencafés. Erst Abdoul Hamouli führte die Tradition des Takht ein, in dem
ein Ensemble fest mit einem bestimmten Sänger zusammenarbeitete.
Er befreite die ägyptische Musik und insbesondere die Gesangskunst
von türkischen und syrischen Einflüssen und erhob die
ägyptische Musik von der Volkskunst zur Kunstmusik.
Zu seinen Schülern gehört Aboul Ela Mohamed,der
später ebenfalls ein bekannter Sänger wurde. Ein Zeitgenosse
von Abdoul Hamouli war Mahmoud Osman. Dieser
sammelte alte arabische Rhythmen, führte Proben für das
Instrumentalensemble ein, und arbeitete organisierter und strukturierter.
Sein ZeitgenosseAbdoul Hamouli dagegen war eher spontan. Mohamed Osmanwar Sänger. Nach einer Krankheit,
die ihm das Singen erschwerte, begann er zu komponieren. Er war
der erste, der seinen Musikern ein monatliches Gehalt zahlte, unabhängig
von der Zahl der Auftritte.
Das Studium des Koran gehörte zur
Grundausbildung der Sänger
Das Wesensmerkmal
der arabischen Musiktradition ist ihr starker Bezug zum Wort. Worte
sind sozusagen die erste Voraussetzung für Musik. Dies gilt
ganz besonders für die religiöse Musik, in der der Text
die führende Rolle inne hat. Immer geht es in den Texten um
die Verehrung Allahs, seines Propheten Mohamed und dessen Familie.
Die zentrale Form religiöser Musik - auch wenn sie kein Araber
als solche empfinden wird - ist die Koran-Rezitation. Der
Koran wird zu verschiedenen Gelegenheiten rezitiert zum Beispiel
bei Totenfeiern, bei Heiligenfesten, bei allen Festen zu Ehren des
Propheten Mohamed usw. Es werden verschiedene Schulen der Koran-Rezitation
unterschieden. Daneben gibt es den Azan (Gebetsruf), der
täglich fünf Mal vom Minarett der Moschee erklingt, jeweils
vor dem Morgengebet (ca. 2 Stunden vor Sonnenaufgang), zum Mittagsgebet
(etwa wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat), zum
Nachmittagsgebet (wenn der Schatten eines Gegenstandes so groß
ist wie dieser selbst), zum Abendgebet (nach Sonnenuntergang) und
zum Nachtgebet (ca. 2 Stunden nach dem Abendgebet). Der Azan wurde
früher nach einem bestimmten festgelegten System gerufen: freitags
im Maqam Bayati, samstags im Maqam Aushaq usw. Litaneien und andere religiöse Gesangsformen wie sie
zu Beschneidungen, Totenfeiern, Heiligenfesten gesungen werden,
standen zu jener Zeit in hoher Blüte.
Alle damaligen Sänger konnten den gesamten Koran auswendig
rezitieren, da das Studium des Koran sozusagen zur Grundausbildung
gehörte.
„Die arabische Musik existiert so lange, wie es Koran-Rezitation
gibt," sagte Sami As-Shawa, ein Christ und Geigenspieler.
Er hielt dies denjenigen entgegen, die befürchteten, daß
europäische Einflüsse so stark in die arabische Musik
eindringen könnten, daß die charakteristischen Eigenheiten
der arabischen Musik nach und nach verloren gehen könnten.
Durch die englische Okkupation fand nicht nur die europäisch-klassische
Musik Verbreitung in den gehobenen Kreisen der Gesellschaft, sondern
auch alles andere, was in Europa gerade en vogue war, von der Tanzmusik
über Schlager und Operette bis hin zu den ersten außereuropäischen
Einflüssen. (Mohamed Abdel Wahab benutzte besonders
gern lateinamerikanische Rhythmen wie Samba oder Rumba aber auch den österreichischen Walzer.)
Während
in Europa die Operette ihre höchste Blüte erlebte, exisiterte
ein Musiktheater in arabischen Ländern noch gar nicht. Selbst
das Theater an sich war noch ganz neu, in weiten Kreisen völlig
unbekannt und eher etwas für Intellektuelle und Kunstliebhaber.
Das ägyptische Musiktheater existierte erst seit 1879, seitdem Jakob ben Sannu' sein Theaterstück, das im ägyptischen
dialekt geschrieben war, aufführte. Maßgeblich an der
Entwicklung des Gesangstheaters war der Sänger und Komponist Sayed Darwish,(1892 -1923) beteiligt. Er komponierte
allein in den Jahren 1917 - 1923 die Musik für ca. 20 Theaterstücke.
Insgesamt schrieb er über 200 Lieder (auch Intermezzi).
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Politische und historische Hintergründe
1869
wurde der Suezkanal eröffnet. 1873 bekam Ägypten
größere innere Selbständigkeit vom osmanischen
Reich zugestanden. Doch führte die Steigerung
der Ausgaben und die wachsende Verschuldung zur erzwungenen
Aufnahme eines englischen und eines französischen
Ministers ins Kabinett. Trotzdem brach unter Arabi
Pascha 1881 ein Aufstand aus, den die Briten zum
Anlaß nahmen, Ägypten zu besetzen. Abbas
II. Hilmi, der 1892 den Thron bestiegen hatte,
mußte sich dem englischen Generalkonsul unterordnen.Nach
dessen Rücktritt 1907 gewann die Nationalbewegung
zunehmend die Sympathien der breiten Masse. Der Eintritt
der Osmanen in den Ersten Weltkrieg, veranlaßte
die Engländer Abbas II. abzusetzen
und Ägypten wurde in ein Protektorat umgewandelt,
in dem ab sofort das Kriegsrecht galt. 1918 zerbrach das
osmanische Reich. Die nationale Opposition der Ägypter
gegen die englische Fremdherrschaft wurde immer stärker.Allerdings
sollte es noch weitere vier Jahre dauern, bis die Wafd (Abordnung) die Aufhebung des Protektorates erwirken konnte.
Fuad I.,der seit 1917 Sultan Ägyptens war, wurde nun zum König
erhoben. Die Engländer behielten sich auch weiterhin
die Oberhoheit über die ägyptische Außenpolitik,
die militärische Präsenz in Ägypten,
die Kontrolle des Suez-Kanals sowie die Verwaltung
des anglo-ägyptischen Sudans vor. Nach dem Tode Fuads I. bestieg Faruk 1936 den ägyptischen Thron. Die Engländer
hatten vereinbarungsgemäß ihre Truppen auf
einem Gebiet um den Suezkanal herum zusammen gezogen.
Gemeinsam mit anderen arabischen Staaten gründete
Ägypten die arabische Liga, die sich vehement gegen
die Gründung des Staates Israel 1948 auf dem Boden
des britischen Protektorates Palästina zur Wehr
setzte. |
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Innenpolitisch war das Land von Korruption zersetzt. Besonders
gegen die europäischen Einflüsse kämpfte zu der
Zeit eine starke Muslim-Bruderschaft. Im Juli
1952 stürzten oppositionelle Offiziere, die sich "Komitee
der freien Offiziere" nannten, unter der Führung von
General Mahmoud Nagib, König Faruk.
Noch im Selben Jahr wurde Mahmoud Nagib Ministerpräsident,
im Juli 1953, nachAusrufung der Republik außerdem Staatspräsident.
Ein Jahr später folgte ihm in diesen Ämtern der Oberst
Gamal Abdel Nasser.Umfangreiche Reformen wie die
Bodenreform wurden eingeleitet, Parteien und Muslimbruderschaft
verboten, eine neue Verfassung eingeführt (1956) und schließlich
Gamal Abdel Nasser von der Bevölkerung zum
Staatspräsidenten gewählt. |
Um Kulthoum
wurde in einem Ort namens Tamai Az-Zahaira geboren, der nicht einmal die Bezeichnung Dorf verdient hätte. Benannt war er nach einem Stamm aus Saudi Arabien, der im Zuge der Islamisierung Ägyptens sich dort niedergelassen hatte. Der Ort wird erstmals 1828 in den Akten genannt. Die Bewohner waren Leibeigene des Khediven, da der Ort zu seinem Grundbesitz gehörte. Das einzig Ansehnliche, was als Haus erkennbar war, war das des Bürgermeisters sowie die Koranschule. Ansonsten regierte überall die Armut. Die Bevölkerung des Ortes war vorwiegend weiblich, weil viele Männer anderweitig arbeiteten.
Der Koranrezitator und Muezzin (Gebetsrufer) war Ibrahim Sayed El Beltagi, genannt Abou Khaled nach seinem Sohn Khaled. Er besserte sein Einkommen mit dem Vortrag religiöser Gedichte in der Moschee auf. Während der Schwangerschaft seiner Frau betete er inbrünstig um die Geburt eines Sohnes. Im Dezember wurde ihm jedoch ein Mädchen geboren. Es war ein 27. Ramadan. Einer Erzählung zufolge träumte der Vater vor der Geburt, daß ihn eine Frau mit strahlendem Gesicht besuchte, die ihm ein Geschenk mitbrachte, das ihm Glück bringen sollte. Er fragte im Traum die Frau, wer sie sei. Sie antwortete: Um Kulthoum,Tochter des Propheten Mohamed. Als der Vater am Abend aus der Moschee kam, bestand er darauf, daß seine Tochter nach der Frau in seinem Traum Um Kulthoum genannt werden sollte, obwohl dies ein völlig ungewöhnlicher Name war. Wie konnte denn ein Kind Mutter von Kulthoum heißen? Später bekam sie von Mohamed Teimour den Beinamen Badawiya, weil sie mit ihrer Kopfbedeckung wie eine Beduinin aussah. In einem Gedicht zu ihrem 60. Geburtstag wurde sie gefragt:
„Wer ist das, Kulthoum,
dessen Mutter du bist?
Aber eigentlich bist du weder seine Schwester
noch Mutter noch Tochter noch Tante."
Die Bedeutung des Wortes Kulthoum ist "Seide" wie sie zum Beispiel für Flaggen benutzt wird. Später nannten viele bekannte Persönlichkeiten ihre Töchter nach ihr. So auch Nagib Mahfuz, der eine seiner Töchter nach dieser Sängerin Um Kulthoum nannte. 1964 wurde das Dorf Tamai Zahaira unter Gamal Abdel Nasser in „Um-Kulthoum-Dorf"umbenannt. Die Behauptung, daß sie ursprünglich Fatma hieß wie ihre Mutter, ist nicht zu belegen. Sie spielte lediglich in einem ihrer Filme eine Frau namens Fatma.
40 Tage nach ihrer Geburt erkrankte die kleine Um Kulthoumam Trachom, der typischen ägyptischen Augenkrankheit, die unbehandelt mit großer Wahrscheinlichkeit zur Erblindung führt. Da es an Geld mangelte, verkaufte die Mutter einen goldenen Armreif. Aus dem Erlös finanzierte die Familie die Fahrt nach Kairo, den Arztbesuch und die Medikamente.
Das Mädchen wuchs wie die anderen Kinder auf, spielte auf den Feldern, lernte die Erntelieder und faszinierte damit bereits den Aufseher des Khediven. Er verfügte eines Tages, daß sie nicht mehr aufs Feld gehen sondern zu ihm ins Haus kommen solle, um dort zu singen und sich mit seinen Kindern zu beschäftigen. Um Kulthoum war ein sehr fröhliches, lebenslustiges Kind. Sie heckte gern Streiche aus, hatte aber auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bereits als Kind kannte sie keine Scheu vor "großen Tieren." Ein Lehrer, ein Schulrat, ein Standesbeamter konnten sie ebensowenig einschüchtern wie der Aufseher im Dorf, ihr Vater oder andere Autoritäten.
Wie alle 4- bis 6-jährigen Kinder besuchte sie zu dieser Zeit die Koranschule. Einer der Nachbarn berichtete, daß die Familie im Ramadan auf dem Dach des Hauses saß, wo sie gemeinsam musizierten. Die Kinder sangen, während der Vater auf einem Topfdeckel den Rhythmus schlug. Noch war jedoch der Bruder Khaled berühmter, weil er eine ausgebildete Stimme hatte.
Ein Pudding für Um Kulthoum
Eines Abends sollte der Vater im Haus des Bürgermeisters etwas vortragen. Er wollte seine Tochter dorthin mitnehmen. Sie wollte jedoch nicht. Erst nachdem er ihr einen Pudding versprach, kam sie mit. Die Rezitatoren hatten alle auf einem Sofa Platz genommen. Um Kulthoums Vater wollte seine Tochter dort neben sich setzen. Sie blieb jedoch dickköpfig auf dem Fußboden. Schließlich sollte auch sie rezitieren. Statt einfach aufzustehen, stellte sie sich auf das Sofa. Während sie sang, erinnerte sie sich plötzlich an den versprochenen Pudding, trat ihren Vater mit dem Fuß und machte ihm Zeichen. Der Vater war letztlich stolz, daß die Tochter sich mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Durchsetzungsvermögen für ihren Gesang einen Pudding verdient hatte. Von diesem Tag an wollte das Kind lesen und schreiben lernen. Der Vater war zunächst dagegen, weil das Schulgeld - so gering es auch war mit 4 Piastern im Monat - doch immerhin ein Fünftel seines monatlichen Einkommens ausmachte. Doch die Mutter insistierte so lange, bis der Vater schließlich nachgab. Immerhin hatte ihr ein heiliger Mann über die Tochter erzählt, daß sie etwas ganz Besonderes an sich habe und man solle auf sie Acht geben. Von der Idee getrieben, ihr Schulgeld selbst zu verdienen, bat sie den Vater, mitgehen zu dürfen, wenn er mit dem Bruder Khaled zu Vorträgen ging.
Zu ihrem ersten Auftritt mußten sie ca. 20 km zu Fuß laufen. Eine Gage gab es jedoch nicht, da der Standesbeamte, bei dem sie sangen, der Meinung war, es sei bereits genug Gage, daß sie die Ehre hatten, vor ihm singen zu dürfen. Bei einer weiteren Veranstaltung bekam die Gruppe eine silberne (indische) Rupie, die etwa den Wert von 6 1/2 Piastern hatte. Für die Familie mehr als ein ganzes Monatseinkommen. Dort hörte sie ein findiger Bahnbeamter, der auf die Idee kam, einen quasi öffentlichen Auftritt zu organisieren. Die Besucher mußten einen Eintritt in Höhe von 2 bis 5 Piastern bezahlen. Der Veranstalter machte an diesem Abend einen Umsatz von 80 Pfund, denn es kamen Leute aus der gesamten Umgebung. Als es um die Gage ging, zeigte er sich als besonders großzügig und zahlte Um Kulthoum, ihrem Bruder und Vater zusammen 1 1/2 Pfund,ein wahres Vermögen. Und doch war es andererseits eine reine Ausbeutung, wenn man den Gewinn des Veranstalters dagegenhält, der außer den Aufwendungen für ein paar kräftige Burschen als "Aufsichtspersonal," keine weiteren Ausgaben hatte.
In der Folge wurden die Beltagis in der gesamten Provinz engagiert und verdienten jeweils 1 1/2 Pfund. Als besondere Kondition wurde in dem Vertrag zusätzlich zur Gage ein Pudding für Um Kulthoum vereinbart. Da sie inzwischen bereits als Mädchen erkennbar war, mußte sie sich ab sofort unter dem Umhang und Turban eines Beduinen verstecken, da die Sheihs es als anrüchig empfanden, daß ein Mädchen bei öffentlichen Auftritten religiöse Lieder singt. Bisher hatten sich die Sängerinnen, die Almee, während ihres Vortrags hinter einer spanischen Wand versteckt gehalten, so daß sie für die Augen des männlichen Publikums unsichtbar blieben.
Die Familie machte die unterschiedlichsten Erfahrungen. Einmal wurden sie zu einer Hochzeit in einem entfernteren Ort eingeladen. Nachdem sie nach mehrstündiger anstrengender Reise im 4. Klasse-Abteil des Zuges endlich am Ort der Veranstaltung ankamen, standen sie jedoch vor verschlossener Tür. Auf mehrmaliges Klopfen öffnete schließlich jemand und erklärte lakonisch, daß die Hochzeit verschoben sei. Zur Bestätigung rief er nach drinnen und man hörte als Antwort „Ah" (=Ja). Da standen die hungrigen, müden Künstler nun ohne Gage, nur Ausgaben und wurden überdies noch behandelt wie Bettler. Später erzählte Um Kulthoum, daß sie bei jedem Vortrag aus der Gattung der "Ahat" (...) an dieses Ereignis erinnert wurde.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, daß sich das energische Mädchen schwor, daß ihr derartiges so schnell nicht wieder passieren sollte. Schließlich waren sie so bekannt, daß sie im gesamten Nildelta eingeladen wurden. Inzwischen verdiente die kleine Gruppe genug, daß sie für ihre An- und Abreise einen Esel verlangen konnten. Während Um Kulthoum ritt, liefen Vater und Bruder nebenher. Aber es dauerte nicht lange, bis der Vater in der Lage war, seiner Tochter einen eigenen Esel zu kaufen. Zu dieser Zeit war er bereits so wohlhabend - gemessen an den Verhältnissen im Dorf -, daß er seine Kinder nach Zagagig in den nächstgrößeren Ort im Delta zum Fotografen schickte. |
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