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Al Andalus - Kultur, Tanz und Musik in der Maurenzeit
Copyright by Havva, 1998/2001, mit freundlicher Genehmigung

Der alte, klassische arabisch-andalusische Tanz hat weder in seinen Bewegungen, noch mit seinen Kostümen geschweige denn in seiner Musik viel mit dem heutigen Flamenco -Tanz zu tun. Das kann er auch gar nicht, kamen doch die Zigeuner erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts n. Chr. nach Spanien. Um diese Zeit wurde Granada als letzte Bastion der Mauren in Spanien gerade von den Christen erobert. Die Stadt fiel 1492 endgültig an die Christen und damit fiel alles Islamische gnadenlos der Inquisition anheim.

Al Anadalus - Zentrum der Weltkultur - geschichtlicher Überblick

Al Andalus war für nahezu 800 Jahre das arabische Zentrum der Weltkultur. Der Legende nach heißt es, dass Roderich, der letzte König der Westgoten, sich im Jahre 711 n. Chr. an Florinda, der Witwe seines Vorgängers Witiza vergangen habe. Florindas Vater, Graf Julian von Ceuta, habe daraufhin aus Rache den aus dem Osten kommenden Muslimen Schiffe zur Überfahrt zur Verfügung gestellt. Der erste Vorstoß des Tariq ibn Malik Nachi sei so erfolgreich gewesen, dass der islamische Gouverneur von Tanger mit vier Transportschiffen des Grafen Julian über 7.000 Mann in Gibraltar abgesetzt habe. Gibraltar - "Dschebel al Tariq", der Berg des Tariq - so seinen Namen erhalten. Roderich wurde geschlagen, und die Muslime eroberten Spanien ohne nennenswerten Widerstand. Als einer der Gründe hierfür mag gelten, dass die Urbevölkerung Spaniens, die Iberer, zu den Berbern Nordafrikas eine größere kulturelle Nähe hatten als zu den römisch-indogermanischen Völkern.

Die Muslime nannten ihr neues islamisches Land "al Andalus", was möglicherweise eine Arabisierung des römischen "Spania" war. Wahrscheinlicher ist jedoch die These, Andalusien käme von Vandalusien und stamme aus der Zeit der Völkerwanderung der Vandalen. Eine weitere Begriffsinterpretation leitet sich vom gotischen "Landahlauts" ab, was soviel wie "landlos" bedeutet und auf die westgotischen Eroberer hinweist, die in ihrer Heimat landlos waren.

Schmelztiegel der Religionen und Kulturen
Die Muslime hatten von Anfang an eine große Akzeptanz bei der einheimischen Bevölkerung und so konnte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte "Al Andalus" zu einem Schmelztiegel der Kulturen entwickeln. Bei den Juden wurde das biblische "Sepharad" bereits in alter Zeit mit Spanien gleichgesetzt und die Epoche ihrer Geschichte im Land Sepharad gilt als das goldene Zeitalter. Unter der Herrschaft der Mauren konnten sie frei von Verfolgung und gesellschaftlichem Druck ihrer Religion und ihren Lebensgewohnheiten nachgehen. Ebenso gut erging es den Christen.
Die damals in Al Andalus lebenden Menschen teilte man in sechs Bevölkerungsgruppen ein. Die Araber in Spanien gliederte man in die im Lande geborenen und die Syrer. Die aus Afrika herübergekommenen Berber siedelten hauptsächlich im Süden des Landes als Bauern. Die vierte Gruppe der Bevölkerung bildeten die einheimischen Konvertiten zum Islam. Die fünfte Schicht waren die Musta'ribun, die Mozaraber, die arabisierten Christen, die Romanisch und Arabisch sprachen. Die letzte Bevölkerungsgruppe stellten die Juden.

Nach der islamischen Eroberung war zunächst Sevilla die Residenz, doch bereits wenige Jahre später wechselte die Regierung nach Cordoba. Unter Abd al Rahman II. (822 - 852) wurde Cordoba (arabisch: Qurtuba) zur prunkvollen Hauptstadt ausgebaut. Es erhielt einen großen Palast und eine Hallenmoschee nach syrischem Vorbild. Auch die Hofhaltung Cordobas ahmte syrisch-omajadische Traditionen nach, ohne deshalb die von den Abbasiden eingeführten persischen Sitten abzulehnen. Die Abbasiden (750 - 1258) hatten zwischenzeitlich die Herrschaft in Bagdad übernommen und die Hauptstadt des Kalifenreiches zum Mittelpunkt der islamischen Musikkultur gemacht. Unter Harun al Raschid (786 - 809) erlebte die Musikpflege in Bagdad ihren Höhepunkt.
Dabei kam es auch zu Auseinander-
setzungen zwischen den Vertretern
des neuen persischen Stiles (Ibrahim
ibn al Mahdi) und des alten arabisch-
hedschasenischen Stiles (Ishaq al
Mausili). In der Folge gingen durch
die rein mündlichen Überlieferungen
viele alte Musiktraditionen verloren,
zumal einer der nachfolgenden Kalifen,
al Ma'mun, als Sohn einer Perserin
dem Arabertum nicht sonderlich zu-
geneigt war.



Tariq ibn Malik Nachi und Begleiter, Foto: Museum in Gibraltar
Arabische Segenssprüche für katholische Kirchen
Seit in Südeuropa Muslime, Juden und Christen aufeinander trafen, zeigte sich die kulturelle Überlegenheit der Muslime über die Christen westlich der byzantinischen Grenzen. Deutsche und angelsächsische Könige prägten Münzen nach dem Vorbild der arabischen Dinare. Europas Adel und sein Bürgertum trug orientalische Seiden und Baumwollstoffe, importierten orientalische Teppiche und setzten kopierte arabische Segenssprüche auf die Wände ihrer Kirchen. Normannische Könige und deutsche Kaiser trugen bis 1806 mit arabischen Texten bestickte Prunkkleider. Arabisch wurde die Sprache der Gebildeten und zur Hauptliteratursprache. Christen wie Juden sprachen sie, so dass kirchliche Anweisungen ins Arabische übersetzt werden mussten, um im Süden verstanden zu werden. Die Mozaraber und die führenden Gelehrten der Juden wie zum Beispiel Maimonides, schrieben in der Sprache des Propheten Mohammed.
Die Araber verfassten zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert etwa 260 Werke über Musik. In Europa dagegen gab es nichts zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert. Es ist nicht ein einziges byzantinisches Werk zwischen dem 4. und 10. Jahrhundert nachzuweisen. Zahllose Werke der Medizin, Mathematik, Philosophie, Literatur und Theologie wurden aus dem Arabischen ins Lateinische, Hebräische und Kastilische übertragen und waren die Quelle geistiger Befruchtung für Europa. Jahrhunderte lang unterrichteten Europas Universitäten nach in Spanien übersetzten Lehrbüchern der Medizin.1
Bei diesem Sachverhalt ist die Bemerkung über eine damalige Form der Urheberrechtsverletzung des Ibn 'Abdun nicht verwunderlich, dass "wissenschaftliche Bücher nicht an Juden und Christen verkauft werden sollten, da diese sie übersetzen und als ihr geistiges Eigentum ausgeben".2
Der starke maurische Einfluss ist heute noch in Andalusien zu spüren und zu besichtigen: Neben der Alhambra, der Festung in Granada, ist in Cordoba vor allem die berühmte vielsäulige Moschee zu bewundern, die nach der Reconquista in eine Kirche umgewandelt wurde. In abgelegenen Bergdörfern kann man sogar noch auf alte Berbertänze treffen, die überlebt haben.
Einst war auch Sizilien eine Hochburg der Toleranz zwischen Christen, Juden und Muslimen, gleichzeitig ein Hort der Künste und der Wissenschaften. Hier herrschte im Mittelalter Friedrich II., gest.1250, bekannt für seine Liebe und Bewunderung allem Arabischen gegenüber: Unter anderem hatte er auch "sarazenische Ballerinas und Sängerinnen" an seinem Hof beschäftigt. Er selbst verfasse ein Buch über die Falknerei auf Arabisch. Nach seinem Tod wurde er von seinen muslimischen Truppen zu Fuß bis nach Tarent gebracht, sein Leichnam war in ein weißes, mit goldener arabischer Schrift besticktes Tuch gehüllt.

Nach dem Untergang des Kalifats der spanischen Omajaden verlor der maghrebinische Islam in zahlreichen Kämpfen mehr und mehr an Boden. Sizilien und die Balearen wurden von den Christen zurückerobert, das muslimische Reich in Spanien schrumpfte zusehends, bis schließlich nur noch das Emirat Granada als Vasallenstaat bis 1492 bestehen blieb.

Das Ende Granadas - Bücherverbrennungen und Zwangstaufen
Das Ende Granadas kam, als sich die christlichen Königreiche Kastilien und Aragon 1479 durch die Heirat von Ferdinand und Isabella vereinigten. Der Erzbischof von Toledo ließ nicht nur die theologischen Werke des Islams verbrennen. In Cordoba fielen 80.000 Bände wissenschaftlicher Arbeiten über Medizin, Astronomie, Mathematik, Musik und Philosophie den Flammen des Fanatismus zum Opfer. Wer nicht konvertierte, wurde getötet oder musste ins Exil, oft wurden die Menschen auch noch ihres Hab und Guts beraubt, indem man all ihren Besitz beschlagnahmte. Das galt für Juden genauso wie für Muslime. Doch auch die als unzuverlässig geltenden Christen, die Mozaraber, waren der Inquisition der Reconquista ausgesetzt. Verdächtig machte sich bereits, wer mit Olivenöl kochte, da sowohl Muslimen als auch Juden die Verwendung von Schweinefett untersagt war.3
Mehr als eine halbe Million Menschen verließ Andalusien und wanderte nach Nordafrika oder bis nach Griechenland aus. Mit den anti-islamischen Gesetzen von 1566 war die islamische Periode in Spanien endgültig vorbei.

Kunst und Kultur, Erotik und Sinnesfreuden in den Palästen
Die Erotik, das Körperbewusstsein und die Genussfreude in Al Andalus waren eng an das Frauenbild des frühen Islam gebunden. Erst unter dem Einfluss Persiens entstand jene islamische Gesellschaft, welche die Frauen im Harem hielt und ihnen in der Öffentlichkeit das Tragen von Schleiern auferlegte. Jedoch war das Verhältnis der Männer zu den Frauen ambivalent: Je höher die Stilisierung der Frau zum Göttlichen und Reinen auf der einen Seite wurde, desto mehr hatte die Prostitution auf der anderen ihre Blütezeit. Trotzdem wurden Sklavinnen häufig Konkubinen, die es auch zu gesellschaftlichem Ansehen brachten. Eine Stufe höher standen die Musik-, Tanz- und Gesangssklavinnen, die oft mit viel Aufwand in den Künsten ausgebildet waren und dank ihrer Bildung als Kurtisanen bei Hofe oder in Adelskreisen außerordentlich begehrt waren. Ihnen wurde nicht nur in Bezug auf ihre Liebesverhältnisse viel Freiheit gelassen. Al Baha z. B. gab sogar einer Moschee im Vorort von al Rusafa ihren Namen, andere wie Mu'ammara legten auf eigene Kosten einen Friedhof an und waren für ihre Nächstenliebe bekannt. Manche Emire bauten für ihre Lieblingskonkubinen eigene Paläste oder benannten Stadtviertel nach ihnen. Hatten sie das Glück, dem Emir einen Sohn zu gebären, dann war ihr Recht auf Freiheit nach seinem Tode gesichert.

Mandragora und Belladonna
Bei der hohen sozialen Bedeutung der Erotik in Al Andalus waren natürlich auch Aphrodisiaka weit verbreitet. Angefangen vom offiziell verbotenen Wein über die geheimnisvolle Mandragora (Alraune), die Tollkirsche oder Belladonna, dem besonders im maurischen Spanien weit verbreiteten Stechapfel bis zur Muskatnuss und zum Haschisch, war alles eine Frage der Dosis, ob es stimulierend, einschläfernd oder toxisch wirkte.4
Die Geschichten von den maurisch-andalusischen Trinkgelagen erinnern gelegentlich an die Bacchusfeste der Römer. "Al Kattanis Tänzerinnen könnten ebenso gut Bacchantinnen gewesen sein".5

Christliche Prüderie
Sinnlicher Genuss, d.h. Genuss mit allen Sinnen, umfasste natürlich nicht nur Musik und Tanz, sondern ebenso Speisen und Getränke, Wohlgerüche und damit verbunden eine ausgeprägte Bade- und Reinlichkeitskultur. Als zehn Jahre vor der Eroberung Granadas der Badeort Alhama (von arabisch "Al Hamam" - die "heiße Quelle") einem christlichen Überraschungsangriff zum Opfer fiel, waren die Mauren von diesem Frontalangriff auf ihre Kultur schwer getroffen. Das Gelübde der katholischen Königin Isabella, bis zur Eroberung Granadas ihr Hemd nicht mehr zu wechseln, bezeugt die konträre, christlich-prüde Einstellung zur Körperlichkeit, "die Schmutz nunmehr als Vorstufe zur Heiligkeit erhob."6

Musik und Tanz

Während der Regierungszeit Abd al Rahmans kam der berühmte Sänger und Musiker Ziryab an den Hof nach Cordoba und soll dort die persische Musik und die persische Hofmode in Spanien eingeführt haben. Abu l'Hasan ibn Nafi, der wegen seiner dunklen Hautfarbe Ziryab genannt wurde, war in Mesopotamien geboren und vom Kalifen al Mahdi freigelassen worden. Als Schüler des berühmten Ishaq al Mausili, der unter Harun al Rashid wirkte, machte er sich am Hof in Bagdad schnell einen Namen. Nach Unstimmigkeiten am Hof verließ er Bagdad und kam 822 nach Al Andalus, wo er bis zu seinem Tode 857 blieb.7
Da Abd al Rahman sich in der Hofhaltung auch sonst am Beispiel Bagdads orientierte, das tradtionsgemäß Sängerinnen aus Mittelasien und Chorasan bevorzugte, kann man den persisch-zentralasiatischen Ursprung des klassischen arabisch-andalusischen Hoftanzes als gesichert betrachten. Die sich in Syrien und Ägypten erhaltenen Überlieferungen von Bewegungen und Kostümen sprechen ebenfalls für diese Annahme.

Muwashahat und Zajal
Der Sänger und Musiker Ziryab wurde außerdem dafür bekannt, dass er eine fünfte Saite auf der Laute (al Oud) anbringen ließ, eine eigene Musikschule gründete und jene Musik prägte, die noch heute in Nordafrika als andalusische Musik ausgeübt wird. Sie hat auch die Volkskunst Spaniens stark beeinflusst. Zum Ende des 9. Jahrhunderts entstand in Qabra (bei Cordoba) eine spanisch-islamische Sonderform der Lieddichtung, die "Muwashah". Sie fügte an arabische oder hebräische Lieder kurze romanische Schlussverse an. Der blinde Poet Muqqadam ibn Mu'afa soll sie mit ihrer sehr eigenwilligen Metrik erdacht haben. So trat neben die besonders von importierten Sängerinnen aus Vorderasien gepflegte arabische Musik eine regional geprägte spanische Musik.

Die Blütezeit

Mit der Berberherrschaft in Spanien (1050 - 1200) begann die eigentlich maurische Phase der maghrebinisch -andalusischen Kultur, die sich deutlich von der Kunst des arabischen Ostens unterschied und als ihre Blütezeit bezeichnet wird. Die Zeit der Kleinkönige, der Muluk al Tawa'if, in den zahlreichen Emiraten und Fürstentümern hinterließ eine Fülle von Gedichten und literarischen Sammelwerken. Bedeutung erhielt in dieser Zeit auch das Kurzgedicht, das Zajal. Hier ein Beispiel:

"Ein Lachen, Perlen enthüllend,
Ein Gesicht, schön wie der Mond.
Die Zeit ist zu eng, das zu fassen,
Mein Herz aber fasst es."
Al-A'ma al Tutili, 12. Jh.

Die Freunde dieses Meisters des Kurzgedichtes sollen daraufhin ihre eigenen Gedichte zerrissen haben.8

Al Andalus - Heimat und Ursprung des Minnesangs
Ein der europäischen Liebesdichtung bis dahin fremder Zug war die abstrakte Behandlung der Geliebten. Die Angebetete wurde und wird in der arabischen Poesie gewissermaßen verschleiert und nicht beschrieben. Die abstrakte Idealisierung der weiblichen Schönheit in Al Andalus wurde zum Urbild des Frauenideals der europäischen Minnesänger, deren Lieder und Gesänge stark von der maurischen Tradition beeinflusst waren.9
Neben Toledo und Cordoba war Sevilla vor allem bekannt durch seine Instrumentenherstellung. In einem überlieferten Gespräch heißt es: "Wieso kommt es eigentlich, dass dann, wenn ein Gelehrter in Sevilla stirbt, dessen Bücher nach Cordoba gesandt werden; wenn aber ein Musikant in Cordoba stirbt, schickt man seine Instrumente nach Sevilla?"
Wir erfahren auch von Musikfesten während der Mondscheinnächte in Triana, einer Vorstadt Sevillas, wo der begabte Ibn Sahl seine Muwashahat, seine Strophengedichte, schrieb.Das Bild, das uns vom Musikleben im mittelalterlichen Spanien vermittelt wird, ist auffallend bunt und differenziert. Häuser und Straßen waren voller Musik, nicht nur an den anerkannten Tagen häuslicher Freude, wie Geburt, Beschneidung und Hochzeit, sondern auch im Alltagsleben bei der Arbeit, da "die Gesänge die Arbeit erleichtern und die Müdigkeit der Seele vertreiben."10
Die "zamra", die die Spanier Zambra nannten, war ein regelmäßig stattfindendes Musikfest der Mauren, das unter freiem Himmel gefeiert wurde und auch den "raqs", den Tanz, mit einbezog.11

Der nach der Rückeroberung im Land zurückgebliebene und zum Christentum konvertierte Maure wurde Morisco genannt. Unter allen im 15. Jahrhundert erwähnten Tänzen ist der Moriskentanz der am häufigsten genannte. Er trat in zwei Formen auf: Als Einzeltanz ungefähr in der Form, wie ihn die Tänzer an den maurischen Höfen dargebracht haben könnten und als Paar- oder Gruppentanz mit dem Motiv des Schwertkampfes zwischen Mauren und Christen. Typisches Merkmal des Moriskentanzes, wie ihn der Tanzschriftsteller Thoinot Arbeau in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlebte, waren die schwarz gefärbten Gesichter der Tanzknaben, ein weißes oder gelbes Band um die Stirn und Schellen am Bein. Die Tänze der Morisken haben sich in vielen europäischen Ländern, meist als Chorreigen und Schwertanz, bis heute erhalten.

Die Zambra Mora und die Zambra Granadina
Das Flamencoleben in Granada war anders als im südwestlichen Andalusien. Als die Zigeuner nach Granada kamen, hatten die Mauren dort 200 Jahre länger gelebt als im übrigen Andalusien. Als Ausdruck ihrer wichtigsten Kunstformen - Musik und Tanz - galten ihre "Zambras", das orientalische Erbe der großen Kalifate im 10. und 11. Jahrhundert. Dieses ehemalige maurische Fest wurde fortan von den Zigeunern übernommen und das Wort "Zambra" bedeutet seitdem auch "Zigeunerfest".

Die Namen "Moriska" und "Zambra" werden in Europa oft synonym für Chortänze in der Doppelfrontform verwendet. Die "Zambra", die einst zum Klang der Flöten und Oboen - arabisch "zamr" = Oboe - getanzt wurde, war, wie die Dichter es schilderten, eine Danza moriska, von Moros und Moras Hand in Hand ausgeführt. Vermutlich war sie auch mit den oben erwähnten Musikfesten der Mauren verwandt, bzw. Fest und Tanz hatten die gleiche Bezeichnung.12
Das Zigeunerfest bzw. die Zambra, die in den Höhlen des Sacromonte gefeiert wurde, war die Zambra granadina. Befragt man Flamencotänzer von heute, so erfährt man nur noch, dass die Zambra oder "Zambra mora" (auch Danza mora, Danza moriska) ein sehr arabisch beeinflusster Tanz war, der barfuss, mit offenen Haaren und einem kürzeren Rock getanzt wurde. Die Tänzerinnen begleiteten sich selbst häufig mit einem Tamburin. Bedauerlicherweise sind die letzten Lehrerinnen, die noch die Zambra unterrichten konnten, inzwischen verstorben.13

Die Hoftänze der Maurenzeit
Abbildungen von Tänzerinnen der arabischen Zeit in Spanien sucht man meist vergeblich, haben doch die "katholischen Könige" mit ihrer anti-islamischen Zerstörungswut die meisten Zeugnisse ausgelöscht. Nach dem bisher Gehörten dürfte es aber nicht allzu schwierig sein, sich die Tänzerinnen vorzustellen, die im sinnenfreudigen Al Andalus getanzt, gesungen und musiziert haben. Die Musik wie auch die Mode waren persisch beeinflusst, das gesamte Hofleben war recht bald im Stil des Bagdader Vorbildes aufgebaut. Und dort bevorzugte man seit jeher Tänzerinnen und Sängerinnen aus Chorasan. Denkt man sich die weiteren Einflüsse dieser ungeheuer kreativen Zeit hinzu, betrachtet man die Musikinstrumente, die in jener Zeit dort gespielt und hergestellt wurden und erfährt man, mit wievielerlei Zimbeln, Klappern und Kastagnettenarten sich die Tänzerinnen selbst begleiten konnten, so dürfte es sich bei den damaligen Vorführungen um eine ausgefeilte, hoch entwickelte Tanzkunst gehandelt haben. Die zahlreichen Rhythmen waren kompliziert: noch heute gilt das Erlernen des klassischen Muwashah bei den arabischen Musikern als schwierig. Ein bewegliches Rückgrat, dezente Hüftbewegungen wie die horizontalen Hüftachten, mit Arabesken gekrönte kleine Sprünge, vor allem aber differenzierte Arm- und Handbewegungen, weiche Kopfbewegungen und raffinierte Posen - so könnte dieser Tanz ausgesehen haben.
Wie bei allen Hoftänzen mussten die Kostüme hierzu edel und effektvoll sein, gleichzeitig aber genügend Bewegungsfreiheit lassen: wertvolle, weich fließende Stoffe, Pluderhosen oder Röcke, in der Taille gegürtet, anliegende Oberteile mit weiten Ärmeln und eventuell dekorative Schals, die an den Handgelenken befestigt waren, um die Armbewegungen zu unterstreichen. Turbanartiger Kopfputz wie auch raffinierte Flechtfrisuren vervollständigten das Bild.

  Fußnoten
1 Geschichte der Musik (1990): Hochkulturen des Ostens, Altertum, Mittelalter, S. 161
2 Brentjes, Burchard (1992): Die Mauren - Der Islam in Spanien und Nordafrika S. 197/198/ 199
3 Hilgard, Peter (1997): Der Maurische Traum S. 149
4 Hilgard, Peter (1997): Der Maurische Traum S 73/74
5 Hilgard, Peter (1997): ebenda. S. 94
6 Hilgard, Peter (1997): ebenda. S. 226
7 Da Zyriab im altarabischen Musikstil von al - Mausili gelernt hatte, ist es eher unwahrscheinlich, daß er die persische Musik am Hofe zu Cordoba eingeführt haben soll. Er wird jedoch nicht der einzige "zugereiste" Musiker aus Bagdad gewesen sein, zumal der Nachfolger von Harun - al Raschid - wie bereits erwähnt - alles Persische bevorzugte.
8 Farmer, H. G. (1966): Musikgeschichte i. Bildern; Band 3, L 2, Islam S. 46
9 Auf der CD "Rumba Argelina" von der Musikgruppe "Radio Tarifa" findet sich z. B. das vertonte Gedicht "Nu alrest" von Walter von der Vogelweide (gest. 1230), das sich nahtlos in die übrigen andalusischen Stücke einfügt.
10 vgl. Farmer, H.G. (1966)
11 ders., ebenda. S. 46
12 Der englische Morris Dance, dessen Form - sechs Männer, ein Narr, ein als Frau verkleideter Knabe und ein als Pferd verkleideter weiterer Mann - ist ein direkter Abkömmling des Moriskentanzes. Die Melodie, die besagter Thoinot Arbeau 1588 für den echten Moriskentanz in Frankreich notierte, wurde schon 1550 in England als Morris Dance gedruckt und wird noch in unseren Tagen von englischen Volksgeigern gefiedelt. Auch in England wurde der Morris Dance in Kirchen getanzt. Die klassische Tänzerzahl von sechs Teilnehmern im Morris Dance wurde früher auch in spanischen Kathedralen angewandt. Sie heißen - ungeachtet der tatsächlich teilnehmenden Tänzeranzahl - heute immer noch "los Seises", "die Sechs".
13 Information der Flamencotänzerin Carmen-Diana Felchtner / Heidenheim











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