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Besatzer und Besitzer
Gotteskrieger im Heiligen Land
Christian M. Jolibois
Kaum ein Tag vergeht ohne Schlagzeilen über das so genannte
Heilige Land, das seinen Bewohnern derzeit eher gegenteilige
Aussichten verheißt. Die dabei oftmals vernachlässigte
Geschichte der Region ermöglicht eine differenziertere
Betrachtung und erleichtert das Verständnis der gegenwärtigen
Positionen. Jedoch erweist sich eine neutrale Auseinandersetzung
mit der Geschichte angesichts der aktuellen Situation als
problematisch. Dies beginnt bereits mit den verwendeten Begriffen
sowie mit der Auswahl der historischen Ereignisse und Quellen,
die tendenziell die jeweiligen Positionen widerspiegeln. Spricht
man von Israel oder von Palästina? Vom verheißenen
Land für die Einen oder von der Heimatlosigkeit der Anderen?
Vom Recht auf Selbstverteidigung oder der daraus resultierenden
Angst, Ohnmacht und Verbitterung?
Die Geschichte der Region ist zeitlich am längsten durch
seine mehrheitlich muslimische Bevölkerung geprägt.
Palästina ist aber auch untrennbar mit der Geschichte
seiner jüdischen Bevölkerung verbunden, ebenso wie
sie einen integralen Bestandteil des dort entstandenen christlichen
Glaubens darstellt und für alle kirchlichen Strömungen
einen hohen Stellenwert einnimmt. Vom politischen Standpunkt
aus erscheint ein weiteres Bild, das der unterschiedlichen
Herrscher und Machthaber, die alle eine ständige Veränderung
der demographischen Zusammensetzung bewirkten. Der folgende
Artikel skizziert die Geschichte der Region von den vorbiblischen
Bewohnern bis zum Beginn der britischen Mandatszeit im Jahr
1922.
Kanaan, das verheißene Land, war nicht leer oder gar
unbewohnt, als Abraham aus Mesopotamien und Moses aus Ägypten
einwanderten "
es waren aber damals die Kanaaniter
im Lande. Da erschien der Herr dem Abram und sprach: Deinem
Samen will ich dieses Land verleihen." [1. Mose 12, 6-7].
Archäologen und Historiker fanden bisher keinerlei Hinweise,
die Migrationsbewegungen von größerem Ausmaß
zu jener Zeit eindeutig belegen. Dies schließt indes
die Einwanderung einzelner Familien und Gruppen nicht aus.
Über Jahrhunderte gaben die einzelnen Stämme die
Mythen, Legenden und Taten ihrer Vorfahren nur mündlich
weiter. Erst im siebten vorchristlichen Jahrhundert wurden
die Überlieferungen allmählich schriftlich festgehalten.
Nachweislich existierten in Kanaan bereits zur Bronzezeit
mehrere kleine Stadtstaaten. Die Bedeutung des Namens Kanaan
und die genaue Herkunft seiner Bewohner sind unbekannt. Im
16. Jahrhundert v. Chr. gelangte die Region erstmals unter
ägyptische Herrschaft, die über 400 Jahre andauerte.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts ist in ägyptischen Quellen
erstmals die Rede von einer Volksgruppe die als apiru oder
habiru bezeichnet werden. Einige Thesen setzen dies mit den
Hebräern in Verbindung, andere beziehen den Begriff eher
auf den sozialen Status, bzw. auf die Herkunft aus Kanaan.
Außerbiblisch werden die Israeliten erstmals auf einer
Siegesstele des Pharaos Merenptath aus dem Jahr 1213 v. Chr.
erwähnt.

Bauernfamilie aus Ramallah, um 1900
Ebenfalls um diese Zeit beginnt die sowohl friedliche Besiedelung
als auch kriegerische Eroberung des Küstenstreifens durch
die griechisch-stämmigen Philister. Von ihnen ist die
Bezeichnung Palästina (arab. filastin) abgeleitet, die
die Römern für die Region einführten.. Die
Philister ließen sich mehrheitlich zwischen Gaza und
Jaffa nieder, hatten aber auch großen Einfluss auf das
Hinterland, in dem die Israeliten lebten.
Die folgende Zeit ist durch die schrittweise Hellenisierung,
der Verbreitung griechischer Bildung und Kultur gekennzeichnet.
Insbesondere nachdem Alexander der Große im Jahr 332
Palästina erobert hatte, wirkten sich hellenistische
Gedanken und Neuerungen zunehmend auch auf das Judentum aus.
Die forcierte Hellenisierungspolitik unter Antiochus IV.
und insbesondere die Entweihung des jüdischen Tempels
führten ab dem Jahr 167 zu einem lang anhaltenden Aufstand.
Die Städte wurden vernichtet und die Bevölkerung
vertrieben. Die römische Eroberung Palästinas im
Jahr 63 v. Chr. beendete die Geschichte des unabhängigen
jüdischen Königtums. Im Jahr 70 n. Chr. schlugen
die Römer den Aufstand endgültig nieder. Er endete
mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, dessen Überreste
heute als Klagemauer bekannt sind.

römisches Aquädukt, Foto:
Claudia Weiß
Ein erneuter großer Aufstand fand zwischen 131 und
135 n. Chr. statt. Auslöser war der Plan der Römer,
Jerusalem unter dem Namen Aelia Capitolina neu aufzubauen
und auf dem Tempelberg eine Kultstätte zu errichten.
Auch dem diesmal besser organisierten Aufstand unter dem vermeintlichen
Messias Bar Kochba (Sohn des Sterns) war kein Erfolg beschieden.
Die Folgen allerdings waren für die jüdische Bevölkerung
der Provinz Judäa drastischer. Wieder wurden große
Teile der Bevölkerung deportiert, versklavt oder getötet.
Juden hatten fortan unter Androhung der Todesstrafe offiziell
keinen Zutritt mehr in das Gebiet um Jerusalem. Das jüdische
Leben verlagerte sich nach Galiläa und dessen Zentrum
Tiberias.
Im Jahr 395 erfolgte die Teilung des mittlerweile christlichen
römischen Reiches. Byzanz, das östliche Rom, erhielt
die Oberherrschaft über Palästina. Unter Kaiser
Justinian (527-565) mehrten sich Maßnahmen gegen die
jüdische Bevölkerung.
Abu Bakr, der erste Nachfolger (Kalif) des Propheten Mohammed,
beauftragte Amr ibn al-As mit der Eroberung Palästinas.
Diese begann im März des Jahres 634 mit der Einnahme
von Gaza. Das christliche Jerusalem ergab sich vier Jahre
später. Muawiyya vollendete die Eroberung im Jahr 641
mit der Besetzung der Küstenstadt Askalon.
Muawiyya ließ sich in Jerusalem - das im Arabischen
noch für lange Zeit iliya (von Aelia Capitolina) hieß
- zum ersten Kalifen der Dynastie der Umayyaden (661-750)
ausrufen. Seine Nachfolger initiierten dort ein umfangreiches
Bauprogramm, das in Konkurrenz zu den byzantinischen Prachtbauten
zu sehen ist. Architektur, Bilder und Inschriften des im Jahr
691 errichteten Felsendoms zeugen von dem damaligen Triumph
der Muslime über die Christen und Juden. Zu Beginn des
achten Jahrhunderts wurde die Al-Aqsa-Moschee fertiggestellt.
Unter den Abbasiden (750-1258) verlagerte sich das politische
Zentrum der muslimischen Welt zunächst von Damaskus nach
Baghdad. Palästina war wieder zu einer Randprovinz geworden,
in der nicht viel zu passieren schien. Dies änderte sich
spätestens im Jahr 969, mit der Einnahme Palästinas
durch die Dynastie der schiitischen Fatimiden (909-1171).
Während der Herrschaft des Kalifen al-Hakim (996-1021)
kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der
christlichen Bevölkerung Jerusalems, in deren Verlauf
die Zerstörung des heiligen Grabes angeordnet wurde.
Im Laufe des 11. Jahrhunderts festigte sich das Christentum
weiter in Europa. Auf der Synode von Clermont am 26. November
1095 gelang es Papst Urban II. in einer mitreißenden
Rede die europäischen Fürsten und Ritter für
die Befreiung Palästinas zu begeistern. Unter dem Schlachtruf
"Jerusalem" wird das weiße Kreuz zum Symbol
der Kreuzfahrer.
Der erste Kreuzzug (1096-1099) endete mit der Einnahme Jerusalems
am 15. Juli 1099. Die Kreuzfahrer festigten ihre Stellungen.
An der östlichen Mittelmeerküste entstanden die
Kreuzfahrerstaaten: das Königreich Jerusalem (1099-1187),
das Fürstentum Antiochien (1098-1268) sowie die Grafschaft
Tripolis (1102-1289) und die im Landesinneren gelegene Grafschaft
Edessa (1098-1146). Insgesamt fanden bis 1270 sieben Kreuzzüge
statt, die sich allerdings auch gegen Byzanz, Ägypten
und Tunis richteten. Im Kontakt mit der arabischen und byzantinischen
Welt stieg aber auch das kulturelle Niveau in Europa und der
Orienthandel ermöglichte die Aussicht auf lukrative Gewinne.
Im Verlauf der Auseinandersetzungen mit den Kreuzfahrern
gewann Palästina aus Sicht der Muslime als "das
Land der Propheten" zunehmend an religiöser und
ideologischer Bedeutung. Im Jahr 1187 eroberten die Ayyubiden
(1169-1230) unter Sultan Saladin Jerusalem. Akko, die letzte
Bastion der Kreuzfahrer, fiel im Jahr 1291 an die Dynastie
der Mamluken (arab. weiße Militärsklaven), die
von 1250-1517 über Ägypten, Palästina und Syrien
herrschten und auch die Kontrolle über Mekka und Medina
ausübten. Am 24. August 1516 endete mit dem Sieg der
Ottomanen die mamlukische Herrschaft in Syrien, kaum ein halbes
Jahr später fiel auch Kairo. Palästina wurde für
die kommenden 400 Jahre zu einer Region des osmanischen Reiches.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann eine
neue Form der Einwanderung nach Palästina, geprägt
durch die zunächst vage Idee eines sich ebenfalls entwickelnden
jüdischen Nationalismus. Das geschwächte osmanische
Reich - 1878 besetzten die Briten Zypern, 1882 Ägypten
- und dessen palästinensische Bevölkerung konnten
sich nur schwer gegen die sowohl zunehmende als auch durch
die Europäer protegierte Form der Einwanderung und Landnahme
behaupten.
Der im 19. Jahrhundert entstehende Zionismus - die jüdische
Bewegung zur Gründung eines Staates in Palästina,
benannt nach dem Tempelberg Zion in Jerusalem - war in erster
Linie eine Reaktion auf die Verhältnisse in Europa, der
sich die Juden dort ausgesetzt sahen. Für die Mehrheit
der in Palästina lebenden und integrierten Juden hingegen
stellte sich die Auseinandersetzung mit der "Lösung
der Judenfrage" nicht mit derselben Dringlichkeit. Der
größte Teil der 20-30.000 Einwanderer, die mit
der so genannten ersten Aliya (hebr. Aufstieg) zwischen 1882-1904
nach Palästina kamen, war religiös motiviert und
eher auf die Städte ausgerichtet. Besucher in jener Zeit
berichten über die Fremdheit, die sie gegenüber
den orientalischen Glaubensgenossen empfanden und erwähnen
die Armut der osteuropäischen Neuankömmlinge.
Unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre veröffentlichte
der österreichische Journalist Theodor Herzl (1860-1904)
im Jahr 1896 sein Buch Der Judenstaat - Versuch einer modernen
Lösung der Judenfrage. Die Judenfrage, als Problem fortwährender
Diskriminierung einer Minderheit, wollte er durch die Gründung
eines eigenständigen Judenstaates endgültig lösen.

britisches Mandatsgebiet, 1920 |
Im Zuge der zweiten und dritten Aliya (1904-1914 und
1918-1923) erfolgte die Einwanderung von rund 75.000
Personen jüdischen Glaubens nach Palästina.
Wieder waren die meisten Einwanderer Flüchtlinge
aus den baltischen Staaten und Polen sowie aus Russland,
bzw. aus der Sowjetunion. Diese eher sozialistisch geprägten
Neueinwanderer gründeten die ersten landwirtschaftlichen
Siedlungen (hebr. kibbuzim) und organisierten auch deren
Verteidigung. Mit den Einwanderern der ersten Aliya
verband sie indes nur wenig. Die einheimischen muslimischen
Palästinenser der ländlichen Regionen galten
als billige und anspruchslose Plantagenarbeiter, die
dazu noch unorganisiert waren.
Während des Ersten Weltkrieges vereinbarten die
Hegemonialmächte eine Reihe von Abkommen, die die
zukünftige Aufteilung des Osmanischen Reiches regeln
und die jeweiligen ökonomischen Interessen berücksichtigen
sollten. Großbritannien versicherte den "Arabern"
seine Mithilfe bei der "Befreiung der arabischen
Völker vom türkischen Joch"
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und stellte die arabische Unabhängigkeit in Aussicht. Stets
unklar blieben dabei mögliche Grenzziehungen, insbesondere
was den Status von Palästina betraf. Für die Briten
hatte Palästina eine besondere strategische Bedeutung:
als Endpunkt einer Ölpipeline aus dem Irak und Persien.
Am 2. November 1917 verfasste der damalige britische Außenminister
Lord Arthur Balfour - in Absprache mit dem amerikanischen
Präsidenten Wilson - ein Schreiben an Lord Walter Rothschild,
den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Großbritannien:
"Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung
einer nationalen Heimstatt in Palästina für das
jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten
Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern,
wobei klar verstanden werde, dass nichts getan werden soll,
was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender
nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder
die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem
anderen Land beeinträchtigen könnte."
Im September 1917 verlegten die Osmanen Truppen nach Palästina,
die durch deutsche und österreichische Einheiten verstärkt
wurden. Im November begann die anglo-ägyptische Eroberung
in Süd-Palästina. Bereits am 9. Dezember fiel Jerusalem.
Mit der Einnahme von Aleppo am 25. Oktober 1918 war der Krieg
in der Levante beendet.
Für das weitere Vorgehen gab es zunächst keine
eindeutigen Pläne. Palästina wurde zunächst
durch das britische Militär verwaltet. Sowohl auf arabischer
als auch auf jüdischer Seite nahm die Unzufriedenheit
mit der neuen Lage stetig zu, angesichts ihrer gegensätzlichen
und enttäuschten Erwartungen. Um arabischen Protesten
vorzubeugen, untersagte die Militärverwaltung die weitere
jüdische Einwanderung. Da die osmanischen Truppen bei
ihrem Abzug auch zahlreiche Urkunden über die Grundstücksverzeichnisse
Palästinas mitgenommen haben sollen, wurden Landtransaktionen
angesichts der unklaren Besitzverhältnisse ebenfalls
verboten. Auf der Konferenz von San Remo im April 1920 vereinbarte
der Oberste Rat der Alliierten die Aufteilung der Mandatsgebiete.
Frankreich erhielt den Libanon und Syrien, Großbritannien
den Irak, Transjordanien und Palästina.
Palästina ist - wie die meisten strategisch wichtigen
Regionen - im Lauf seiner Geschichte Schauplatz zahlreicher
kriegerischer Auseinandersetzungen gewesen und durch die damit
verbundene Zuwanderung verschiedener Volksgruppen gekennzeichnet.
Die vermeintlich klar umrissenen Grenzen Palästinas wurden
in ihrer heutigen und stets umstrittenen Form erstmals durch
die Mandatsmacht Großbritannien festgelegt. Alle Besitzer
sind mehr oder weniger auch Besatzer, bzw. deren Nachkommen,
einhergehend mit dem Recht des Stärkeren und dessen eigener
Sicht auf die Geschichte. Ausschlaggebend für die Eroberungen
waren in erster Linie ökonomische und machtpolitische
Überlegungen. Das religiöse Element spielte dabei
- wenn überhaupt - stets nur vordergründig eine
Rolle. In Psalm 137 beklagen die babylonischen Gefangenen
ihr Leid. Die englische Version (?) ist als Lied international
bekannt und bezieht sich längst nicht mehr ausschließlich
auf vertriebene Angehörige der jüdischen Gemeinschaft.
Literaturhinweise:
Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Verlag
C.H. Beck, München 2002.
Michael Wolffsohn: Wem gehört das Heilige Land? Piper
Verlag, München 2002.
Gernot Rotter und Schirin Fathi: Nahostlexikon - Der israelisch-palästinensische
Konflikt von A - Z. Palmyra Verlag, Heidelberg 2001.
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