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Kino


Weibliche Regisseure und Filmstars in den
arabischen Staaten

Geschichte der Frauen vor und hinter der Kamera
Viola Shafik

Frauen wurde zunächst nur zögerlich Zugang zu den Filmmedien gewährt, sei es vor oder hinter der Kamera. Der Zugang zum Filmemachen und zur Filmindustrie blieb für Frauen schwierig. Das liegt einerseits an der schwachen Infrastruktur des Filmgeschäfts außerhalb von Ägypten und innerhalb Ägyptens teils an den moralischen Vorbehalten der Familienangehörigen der tätigen Frauen, teils am männlich dominierten Berufsnetzwerk (abgesehen vom TV), und weil Produzenten zögerlich waren, große Budgets weiblichen Regisseuren anzuvertrauen. Traditionell waren Frauen von fast allen Arten öffentlicher Unterhaltung ausgeschlossen. Ungeachtet dessen verfassten Frauen Literatur, trugen religiöse Dichtung und Lieder (madh) vor und arbeiteten als Sängerinnen und Tänzerinnen. Jedoch blieben andere Bereiche der darstellenden Künste wie das Geschichtenerzählen (haki), das Schattenspiel (khayal al-d?il) gewöhnlich den Männern vorbehalten.

Die ersten weiblichen Theaterschauspieler der arabischen Region traten in dem sich entwickelnden, europäisch inspirierten klassischen arabischen Theater auf. Sie waren Ende des 19. Jahrhunderts entweder Jüdinnen oder christliche Syrierinnen. Trotzdem traten muslimische Frauen vielen der neugegründeten Schauspieltruppen bei und einige von ihnen, wie Fati?ma Rushdi, leiteten in den 1920er Jahren ihre eigene Kompanie. In Ägypten spielten Frauen sogar eine grundlegende Rolle bei der Entwicklung des nationalen Kinos. `Aziza Amir, Assia Daghir, Fati?ma Rushdi und Bahiga Hafiz arbeiteten in den 20er und 30er Jahren als Darstellerinnen, Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen, wobei sie ihr eigenes Vermögen in ihre Filmprojekte einbrachten. Einen der allerersten abendfüllenden ägyptischen Erzählfilme, Layla, produzierte die Theaterschauspielerin `Aziza Amir 1927, wobei sie auch als Co-Regisseurin mitwirkte. Die Libanesin Assia Daghir übte 1929 dieselben Funktionen bei 'The Lady from the Desert'/ghadat al-s?ah?ra' aus. Sie blieb bis in die 80er Jahre eine der wichtigsten Produzentinnen Ägyptens. Die Beiträge anderer Frauen waren kurzlebiger, jedoch nicht weniger wichtig. Zu nennen sind Fatima Rushdi, Amina Muhammad und die ihr geistesverwandte Bahiga Hafiz, eine Komponistin, die 1937 das verschwenderische Kostümdrama 'Layla, the Bedouin'/Layla al-badwiyya (eine nationale Allegorie) drehte und darin auch selbst auftrat.

Diese Phase weiblicher Präsenz endete nach der Gründung des Studio Misr 1934. Das ägyptische Kino brauchte fast fünf Jahrzehnte, um ausgebildeten und produktiven Frauen wieder in einem größeren Umfang einen Platz anzubieten. Das Jahr 1985 wurde zu einer Art Wendepunkt. Ganze drei Filme von drei verschiedenen Frauen kamen heraus, von Nadia Salim, Nadia Hamza und, am wichtigsten, Inas al-Dighidi mit dem Sozialdrama 'Pardon Me Law'/`afawan ayuha al-qanun. In der Folge wurde al-Dighidi die berühmteste und gesuchteste ägyptische Regisseurin für kommerzielle Filme. Sie drehte mehr als ein Dutzend Spielfilme, vor allem Familiendramen, Komödien oder Thriller. Ihr folgte seit Mitte der 90er Sandra Nash'at, die sich inzwischen auf unterhaltende, sogenannte "Shopping Mall Filme" spezialisiert hat. Eine Anzahl weiterer Regisseurinnen, unter ihnen Asma' al-Bakri und Hala Khalil, hat es seit Ende der 90er Jahre geschafft, mindestens einen Film pro Jahr zu drehen.

Insgesamt erhielten Frauen leichter Zugang zu den weniger kostenintensiven Formaten und angegliederten Tätigkeiten wie dem Filmschnitt, dem Set Design und dem Verfassen von Drehbüchern. Dies insbesondere seit der Gründung des staatlichen "Higher Film Institute" 1959. Eine der ersten Frauen, die für das Fernsehen Dokumentarfilme drehte, war 1961 Sa`diyya Ghunim. Andere folgten, wie z. B. An`am Muh?ammad `Ali, die Regisseurin des spektakulären Kriegsfilms 'The Way to Eilat'/al-t?ariq illa Aylat (1995) und der beliebten TV-Serie 'Umm Kulthum' (1999). Sämtliche Formate - Kinder-, Animationsfilme und "Developmentals" - wurden von Frauen für das "National Film Centre" gedreht, unter anderen von Farida `Arman, Munna Mugahid, Firyal Kamil, Nabiha Lutfi. Eine der ersten unabhängigen Filmemacherin im Dokumentationsgenre war `Att??iyat al-Abnudi, die 1971 mit 'Mud Horse'/H?us?an al-t?in herauskam.

Zahlreiche Frauen arbeiteten auch als Drehbuchautorinnen für das Fernsehen. Munna Abu Nasr? startete in den 90er Jahren eine der erfolgreichsten Trickfilmserien im Fernsehen, Bakkar. Seit den späten 1990ern zeichnet sich das Feld der Dokumentarfilme, der Kurz- und der Experimentalfilme durch eine bemerkenswert große Vielfältigkeit aus, was einerseits durch die Einführung der weniger kostenintensiven Digitaltechnik noch befördert wird und andererseits, nicht zuletzt, durch eine beträchtliche Zahl von jungen Frauen, die am unabhängigen Film interessiert sind, wie zum Beispiel Hala Galal, dem Kopf der alternativen Produktionsfirma Senat, die nicht nur Produzentin zahlreicher weiblicher Produktionen, sondern auch selbst eine leidenschaftliche Dokumentarfilmerin ist.

Moralismus und religiöser Fundamentalismus wurden mit dem Auftreten des neuen Islamismus zur Hürde für weibliche Darsteller, weshalb sich zwischen den späten 80er Jahren und 1994 21 Schauspielerinnen und mindestens zwei männliche Schauspieler entschlossen, sich aus Glaubensgründen aus dem Show Business zurückzuziehen.

Während in den 60ern die Sängerinnen nach und nach vom Bildschirm verschwanden, blieb eine dramatische Schauspielerin wie Fatin H?amama von den 50ern bis in die frühen 90er unangefochten der Star des Melodramas. Ihr trat Hind Rustum an die Seite, eine Frau des Vamp-Typus, sowie die talentierte Su`ad Husni, gefolgt von den zum Teil als "vulgär" denunzierten Schauspielerinnen Madih?a Kamil, Nadia al-Gindi und Layla 'Ilwi.

Solange sie nicht in der ägyptischen Filmindustrie arbeiteten, konnten weibliche Darsteller meist nicht den Status eines Stars erreichen, dessen Ruhm in weitere Teile der arabischen Welt ausstrahlte. Die einzige Ausnahme war die libanesische Sängerin Fayruz und die weniger bekannten S?ahurra, Qammar und Nawal Farid , die zum ersten Mal auftraten, bevor 1975 der Bürgerkrieg ausbrach und die libanesische Filmindustrie die ägyptische Produktion nahezu übernahm. Die libanesischen Sängerinnen Asmahan (1940er) und S?abah? (50er bis 60er), die algerische Sängerin Warda al-Jaza'iriyya und kürzlich erst die tunesische Schauspielerin Hind S?abri kamen durch ägyptische Filme zu Ruhm.

Aus Tunesien kamen zahlreiche gut ausgebildete und hochtalentierte Schauspielerinnen. Unabhängig davon, dass Haydée Chikly, die in den ersten beiden tunesischen Filmen mitspielte - in dem Kurzfilm Zuhara (1922) und in dem abendfüllenden Streifen 'The Girl from Carthage'/`ayn al-ghazal (1924), bei denen ihr Vater Albert Chikly Regie führte - nicht die Erlaubnis ihrer Familie erhielt, den Beruf einer Schauspielerin zu ergreifen. Nach der Unabhängigkeit hatte eine lebendige Theaterszene mit Dutzenden von z.T. experimentellen Schauspielertruppen dazu beigetragen, äußerst vielseitige Darstellerinnen auszubilden, die das tunesische Kino bereicherten, unter ihnen Mouna Noureddine, Jalila Baccar, Hélène Catzaras, Ghalia Lacroix und Amal Hdhili. Anders in Algerien, das keine herausragende Theaterszene hat, doch wo Kulthum, die Hauptdarstellerin des antikolonialen Streifens 'Wind from the Aurès'/rih? al-Auras (1966), eine der wenigen nordafrikanischen Darstellerinnen war, die niemals eine Rolle in einem Film übernommen hat, der zum früheren, europäisch-produzierten Kolonialfilm der Ära vor der Unabhängigkeit gehörte (der gewöhnlich Araber nur als schmückendes Beiwerk verwendete).

Insgesamt traten Schauspielerinnen und Regisseurinnen in den anderen filmproduzierenden arabischen Ländern wie Syrien, dem Libanon, Irak, Tunesien, Algerien und Marokko erst nach der jeweiligen nationalen Unabhängigkeit auf. Dies begann schrittweise in den 70ern, nachdem ihre Heimatländer eine kleine, aber stabile nationale Produktion sicherstellen konnten. In Syrien, Palästina, dem Jemen und Kuwait allerdings schaffte es keine einzige Frau, in einem abendfüllenden Spielfilm die Regie zu übernehmen, unabhängig von nicht wenigen erzählenden Kurz- und Dokumentarfilmen. Im Irak konnte bislang nur Khayriyya Mans?ur einen abendfüllenden Film drehen. Außerhalb Ägyptens haben weibliche Regisseure häufig eine ausländische Ausbildung genossen und sie schaffen es selten, mehr als einen oder zwei abendfüllende Spielfilme zu realisieren. Dies gilt insbesondere für Marokko, wo Farida Burqia einen und die Drehbuchautorin Farida Belyazid zwei Filmen gedreht hat. Während bislang fünf tunesische Filmemacherinnen abendfüllende Spielfilme gedreht haben, konnte nur die weitbekannte Moufida Tlatli, die früher im Filmschnitt tätig war und die in der europäischen Koproduktion 'Silence of the Palaces'/S?amt? al-qus?ur (1994) Regie geführt hat, zwei Filme realisieren. Der Libanon, ein ähnlich kleines Land, hat bereits sieben Regisseurinnen gesehen, von denen zwei, Randa Shah?al Dabagh und Jocelyne Sa`ab, drei abendfüllende Filme nacheinander realisieren konnten, ebenfalls ausländische Koproduktionen.

Insgesamt orientieren sich nicht-ägyptische Arbeiten stärker am unabhängigen Kino und stellen individuelle und künstlerische Visionen in den Vordergrund. Die Regisseurinnen der 1970er und 80er, die Tunesierin Selma Baccar mit ihrem Film-Essay Fatima 75 (1975) und Néjia Ben Mabrouk mit Sama - 'The Trace' (1982), die Marokkanerin Farida Burqia mit 'The Charcoal'/al-Jamra (1984) und die Libanesin Heiny Srour mit Layla and the Wolves/Layla wa-l-dhi'ab (1984) nahmen einen dezidiert feministischen Standpunkt ein, während zurückhaltendere Regisseurinnen stärker daran interessiert waren, die Geschlechterrollen zu dekonstruieren oder eine individuelle Filmsprache zu entwickeln. Dies gilt insbesondere für die Tunesierin Kalthoum Bornaz ('Kiswa or the Lost Thread'/Kiswa al-khayt al-d?a`i, 1997), die Libanesierinnen Dima al-Joundi, Joanna Hadjithomas (Ko-Regie bei 'Around the Pink House'/al-bayt al-zahr, 1999) und Danielle 'Arbid ('In the Battlefields'/ma`arik h?ubb, 2004).

Zwei der nur drei algerischen Regisseurinnen, die es geschafft haben, einen abendfüllenden Spielfilm in Algerien mit lokalen Finanzmitteln zu drehen, H?afsa Zinat-Koudil (1992) und Yamina Bachir-Chouikh (2002), machten sich bei ihren visuellen Attacken auf den muslimischen Fundamentalismus und dessen Rückwirkungen auf die Frauen wenig Gedanken über Formprobleme. Die dritte, die Romanschriftstellerin Assia Djebar, bildete mit ihrem hochexperimentellen Fernsehfilm 'The Nouba of Mount Chenoua's Women'/Nubat nisa' jabbal Shinuwwa (1978) eine Ausnahme. In all diesen Ländern sind die meisten weiblichen Filmemacher auf dem Feld der Experimentalfilme, der Kurz- und Dokumentarfilme zu anzutreffen. Es sollen nur May Mas?ri, Liana Badr und `Azza al-Hassan (Palästina) genannt werden, Waha al-Rahib (Syrien), Fatima Jebli Ouzzani, Izza Genini (Marokko), Nadia al-Fani (Tunesien), Jamila Sahraoui, Nadia Cherabi, Yamina Benguigui (Algerien), Rania Stephan, Olga Nakkash (Libanon), Nadia Fares, Tahani Rashid und Safaa Fath?y (Ägypten). Viele von ihnen haben die Basis ihres Schaffens im Ausland - und sie haben auf ihrem jeweiligen Feld internationale Anerkennung errungen. Autorin: Viola Shafik


Literatur:
Christophe Ayad, Le star système: de la splendeur au voile, in Magda Wassef (ed.) Egypte: 100 ans de cinéma, Paris (1995), 134-141
Abdelkrim Gabous, Silence, elles tournent!, Tunis (1998)
Jacob Landau, Studies in the Arab Theater and Cinema, Philadelphia (1958)
Rebecca Hillauer, Freiräume - Lebensträume. Arabische Filmemacherinnen. Bad Honnef (2001)
Viola Shafik, Arab Cinema. History and Cultural Identity, Cairo (1998)
Viola Shafik, Prostitute for a Good Reason. Stars and Morality in Egyptian Cinema, in Women's Studies International Forum 24 (6) Edinburgh (2001), 711-725
 

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