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Musikerportraits


Mohamed Abdel Wahab - Vater der modernen ägyptischen Musik

Mohamed Askari

Durch seine innovative Orchestrierung und Kompositionstechnik und ein Lebenswerk von schätzungsweise 1.000 Kompositionen hebt sich Mohamed Abdel Wahab aus der Reihe der ägyptischen Musiker deutlich heraus. Sein Beliebtheitsgrad in der gesamten arabischen Welt, der bis heute ungebrochen ist, veranlasst uns, diesen außergewöhnlichen Menschen in dieser Reihe als ersten Künstler ausführlicher zu präsentieren. 

Um Mohamed Abdel Wahab (1902 - 1988) als Künstler zu charakterisieren, genügt es nicht zu sagen, dass er ist ein hochbegabter Musiker und Sänger seiner Zeit war. Fast 70 Jahre bereicherte er die arabische Musik mit seinen innovativen Vorstellungen und Ideen. Er war wie kein anderer in der Lage, die alte arabische Musiktradition mit der neuen, die orientalische mit der westlichen verschmelzen zu lassen, was ihn nicht nur in seiner Generation beliebt machte. Im Grunde genommen kann man sagen, dass Mohamed Abdel Wahab so etwas komponierte wie Weltmusik. Das ist vermutlich auch einer der Gründe, warum seine Musik noch heute über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannt und
beliebt ist. Über seine Musik kam er in Kontakt mit Königen und Staatsmännern wie zum Beispiel Saad Zaghlul, der Führer von was???, Mustafa al-Nahas Pascha, König Fouad, König Faruq, den Männern der ägyptischen Revolution von 1952: Mohamed Nagib, Gamal Abdel Naser und Anwar al Sadat und schließlich Husni Mubarak.

Mohamed Abdel Wahab arbeitete in fast allen Bereichen der Musik. Er komponierte für Theater, Film und produzierte selbst sieben eigene Filme mit seinen Liedern, die er allein oder mit anderen Sängern vortrug. Ferner hat er ca. 50 Instrumentalstücke komponiert, manche davon sind regelrechte Meisterstücke und gehören heute in manchen Musikschulen zu den selbstverständlichen Studieninhalten.

Das Leben von Mohamed Abdel Wahab war erfüllt von Geheimnissen. Über sein genaues Geburtsdatum ließ er allerdings selbst seine Zeitgenossen und engsten Freunde im Unklaren.

In seinem zweiten Lebensjahr erkrankte der Sohn eines Geistlichen schwer. Einer der vielen Ärzte, die ihn untersuchten, überraschte seine Eltern damit, dass er ihnen gleich einen Totenschein ausstellen wollte, weil der kleine Mohamed voraussichtlich den nächsten Tag nicht überleben würde. Und da es ein Wochenende war, der Arzt also wegen des Totenscheines am nächsten Tag nicht noch einmal gestört werden wollte, ergab sich der Vater in sein Schicksal, tat was der Arzt ihm sagte und ließ den Totenschein ausstellen. Zum Glück starb Mohamed Abdel Wahab nicht sondern lebte noch fast 90 Jahre weiter - für die ägyptische Lebenserwartung äußerst ungewöhnlich - mit seinem Totenschein in der Hosentasche. Gelegentlich soll er den später auch gezückt haben, wenn er in Schwierigkeiten geriet und argumentierte dann: Man könne einem Toten schließlich nichts anhaben.

Mohamed Abdel Wahab gilt nach Sayed Darwish als Pionier und innovativer Neuerer der arabischen Kunstmusik. Seine Offenheit und Verständnis für alles Neue und Fremde, hat manchmal sowohl seine Musikerkollegen als auch die Zuhörer regelrecht schockiert. Heute sind seine Neuerungen nicht mehr wegzudenken und seine Werke werden im gesamten arabischen Sprachraum immer noch gern gehört.

Kindheit
Mohamed Abdel Wahab wurde nach Ratiba al-Hefni (Mohamad Abdel Wahab - sein Leben und seine Kunstwerke, Kairo 1991; arab.) am 13. 3. 1902 als Sohn von Shaikh Abdel Wahab Mohamed Isa geboren. Er wuchs in einer religiösen Familie auf. Sein Vater war ein frommer Mensch, der Mohamed Abdel Wahab in eine Koranschule schickte.
In dieser Zeit gab es nur wenige staatliche Schulen, aber Koranschulen gab es überall im Land. Dort werden die Kinder besonders in der arabischen Sprache unterrichtet und in religiösen Fächern wie Koranrezitation sowie im richtigen Sozialverhalten. Mohamed Abdel Wahab sollte nach der Koranschule die al-Azhar Universität besuchen, um eine Ausbildung zum Geistlichen zu bekommen. Darüber war Mohamed Abdel Wahab nicht gerade erfreut. Er sang gern und diese Vorliebe für den Gesang verursachte ihm Probleme. Er hatte Auseinandersetzungen mit seinem Vater darüber, was erlaubt sei und was nicht.

In dieser Zeit besuchte er viele Veranstaltungen von berühmten Koranrezitatoren wie Shaikh Mohamed Refat, Shaikh Ali Mahmoud, Shaikh Mansour Badran und anderen. Sein älterer Bruder Shaikh Hassan hat ihn in dieser Hinsicht immer unterstützt. Mohamed Abdel Wahab hatte keine glückliche Kindheit. Es gab viele Probleme und Konflikte, was seine Neigung zu Musik und Gesang betrifft und was seine Eltern von ihm erwarten. Er sollte eine Entscheidung treffen, was er wirklich will, entweder den Weg von Musik und Gesang oder er sollte eine religiöse Laufbahn einschlagen wie sein Bruder. Diese Entscheidung war sehr schwer für ihn.

Künstlerische Laufbahn
Mohamed Abdel Wahab besuchte das Mahad Fouad al-Awal lel Musiqa al-Arabeyah (König Fouad-Institut für arabische Musik), wo er die Kunst der arabischen Musik erlernte. Als er begann, in verschiedenen Theatern zu arbeiten, bemerkte er, obwohl er von allen Seiten viel Lob erhielt, dass er mehr über die verschiedenen Bereiche der Musik wie etwa Theorie, Geschichte und Instrumentenkunde lernen müsse. So besuchte er das Bergion-Institut in Kairo, um sich im Bereich der traditionellen arabischen Musikinstrumente weiterzubilden.

Er begann später das klassisch-arabische Ensemble mit westlichen Musikinstrumenten zu erweitern. Dazu verwendete er zum Beispiel mit Geschick und Raffinesse eine Gitarre in seiner Komposition für das Lied Enta Omri, gesungen von der berühmten ägyptischen Sängerin Um Kulthoum. Das Lied wird bis heute gerne gehört und auch im Orientalischen Tanz immer wieder interpretiert.

Eines Tages, nachdem er mit den Kindern gespielt hatte, fing er wie üblich an, für die Kinder zu singen. Ein Mann namens Mohamed Youssef kam zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. Er gratulierte ihm zu der guten Stimme und dem schönen Gesang. Der Mann stellte sich vor und erzählte ihm, dass er einen Zirkus besitze und ob Mohamed Abdel Wahab bei ihm im Zirkus singen möchte. Mohamed war sofort einverstanden. Ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen, fuhr er mit dem Mann in die Stadt Damanhur im Nildelta. Dort sang er ein Lied mit dem Titel Azebini fa mohgeti fi edeki von Salama Higazy, welches vom Publikum aufmerksam belauscht wurde. Zufälligerweise saß im Publikum der berühmte ägyptische Sänger und Komponist Shaikh Sayed Darwish, der Mohamed Abdel Wahab zu seiner Leistung gratulierte.

Nach diesem Vorfall gaben Mohameds Eltern den Versuch auf, ihn von seinem Weg abzubringen und akzeptierten nach und nach seinen Willen.

Die Wochenzeitschrift al-Qahira veröffentlichte einen Artikel über Mohamed Abdel Wahab mit dem Titel "Abdel Wahab, Gebet eines Kanarienvogels". In diesem Artikel wurde der Lebenslauf von Mohamed Abdel Wahab in den Bereichen Musik, Gesang und Film erläutert.

Mohamed Abdel Wahab hatte im Laufe der Jahre einen Erfolg nach dem anderen und wurde im gesamten Land bekannt. Eines Abends, nachdem er in einer großen Veranstaltung in Alexandria gesungen hatte, bei der das Publikum vor lauter Begeisterung in Ekstase geriet, kam ein Mann zu ihm und sagte, der berühmte, ägyptische Dichter Ahmed Shauqi (gest. 1932), der als Prinz der Dichter bekannt ist, wolle ihn sehen. Abdel Wahab ging zu ihm und küsste ihm ehrerbietig die Hand. Der Dichter Shauqi sagte zu Wahab: “Wenn du in Kairo bist, komm doch vorbei.” Wenig später trafen sich beide tatsächlich in Kairo und seit dieser Zeit waren sie sehr gute Freunde. Shauqi interessierte sich für ihn und hat ihn quasi adoptiert. Er unterstützte ihn in jeder Hinsicht. Insbesondere um seine Bildung zu vervollständigen, brachte er Mohamed Abdel Wahab unter die Intelektuellen und die einflussreichen Leute von Ägypten. Damals war Mohamed Abdel Wahab 20 Jahre alt. Später gab Shauqi Wahab seine Gedichte zum Vertonen, um ihn zu unterstützen, aber auch um seine Gedichte bekannt zu machen.

Mohamed Abdel Wahab lernte etwa zu dieser Zeit auch den berühmten ägyptischen Sänger und Komponisten Sayed Darwish (1892 - 1931) kennen. Wahab lernte von dem Meister viel über Kompositionstechniken und Gesangskunst. Der Meister hinterließ bei seinem Schüler einen spürbaren Eindruck. In Darwishs Operette Sheherazad wirkte Mohamed Abdel Wahab als Sänger mit. Und er begann, aus Begeisterung für seinen Lehrer, in seinem Stil, in seiner innovativen Art und mit seinen reichhaltigen musikalischen Ideen zu komponieren. Später fühlte er sich sogar verantwortlich für die Vervollkommnung der Richtung, die Sayed Darwish eingeschlagen hatte und komponierte Lieder, von denen man hätte glauben können, dass sie von Sayed Darwish selbst seien wie zum Beispiel Emta essaman oder Elalb yama entazar. Die beiden Musiker arbeiteten von 1917 bis 1921 zusammen.

In dieser Zeit bildete Mohamed Abdel Wahab seinen musikalischen Stil heraus und rückte zu den bekanntesten Sängern und Komponisten in Ägypten auf. Werke aus dieser Zeit werden bis heute von Musikliebhabern gern gehört. Sayed Darwishs Einfluss ist bis in die Kompositionen der 30er bis 60er Jahre spürbar.

1923 besuchte Mohamed Abdel Wahab den Nadi al-Musiqa al-Sharqiya (Club für orientalische Musik). Dort lernte er bei dem berühmten Komponisten und Oudspieler Mohamed al-Qasabgi die arabische Rhythmik und die Kunst der Maqam-Darbietung (Tonsystem der arabischen Musik).

Im Jahre 1924 suchte er nach Arbeit, um Geld zu verdienen und bekam eine Anstellung als Musiklehrer in einer Schule. Er unterrichtete mit Vorliebe Lieder von Sayed Darwish. Aber leider waren die Kinder an Musikunterricht nicht sehr interessiert. Er verließ die Schule wieder und suchte sich einen anderen Job.

1925 kam die erste Anerkennung aus künstlerischen Kreisen. Er wurde von Munira al-Mahdeya, die als Sultana des Tarab bekannt was, damit beauftragt, die Komposition von Sayed Darwish für das Theaterstück Cleopatra zu vervollständigen, die dieser nicht beendet hatte.
Zweifellos hat Mohamed Abdel Wahab durch diese Aufgabe eine Menge an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen gewonnen. Es war ihm nicht nur eine Ehre, die Arbeit von Sayed Darwish zu beenden, sondern er war auch stolz darauf, als Komponist und nicht nur als Sänger engagiert zu sein. Die Komposition entspricht ganz dem Stil und der Vorstellung von Sayed Darwish, zumal man fast von einer Besessenheit von Mohamed Abdel Wahab von seinem Idol sprechen kann.

1926 begann Mohamed Abdel Wahab, Gedichte und Lieder von Ahmed Shauqi zu vertonen. Das erste Lied, das Shauqi im ägyptischen Dialekt geschrieben und Mohamed Abdel Wahab vertont und gesungen hat, ist Shabakti Albi ya Eini. Ferner hat Mohamed Abdel Wahab Lieder gesungen, deren Texte von Shauqi geschrieben sind, die jedoch von anderen Komponisten stammen wie z. B. von Abdu al-Hamouli oder Mohammed Osman. Mit dem Lied Ya Garat al-Wadi, das von Shauqi geschrieben und Mohamed Abdel Wahab gesungen wurde, schaffte er den Sprung in die Upperclass Ägyptens. Shauqi war so begeistert von der Stimme Mohamed Abdel Wahabs, dass er ihn eines Tages nach Paris mitnahm, um ihn mit der westlichen Musikkultur bekannt zu machen und ihn damit zu bereichern.

1927 brachte Mohamed Abdel Wahab seine erste Schallplatte auf den Markt. Die Liedtexte stammten von Younes al-Qadi, die Kompositionen von ihm selbst. Im Laufe des Jahres veröffentlichte Mohamed Abdel Wahab insgesamt 17 Kompositionen.

1932 starb der Prinz der Dichter Ahmed Shauqi und Abdel Wahab betrauerte seinen Lehrer und Meister sehr. Er hat ihm vieles zu verdanken und ist mit ihm in viele arabische Länder gereist. Durch seine Bekanntschaft mit ihm, hatte er die Gelegenheit, bei herausragenden Veranstaltungen vor arabischen Königen und Prinzen zu singen.

Mohamed Abdel Wahab begann 1933, sich mit der Materie des Films zu beschäftigen, kurz nachdem in Ägypten der erste Musikfilm nach dem Ende der Stummfilmära gedreht worden war. Der erste Film, für den er die Musik komponierte, hieß Al-Warda al-Baida (Die weiße Rose).

Mohamed Abdel Wahab benutzt hier bereits lateinamerikanische Rhythmen, die im Film bei der älteren Generation als "ausländische Musik" abgetan werden, sowie Walzer- und die beliebten Stepptanzrhythmen, aber auch die alten Lieder von Salama Higazi und Sayed Darwish, vor denen er sich so verneigt. Mit diesem Film geben Mohamed Abdel Wahab und der Regisseur Mohamed Karim, die auch gemeinsam die Geschichte geschrieben haben, eine Richtung vor, die für die nächsten Jahre die meisten Filme bestimmte: Liebesgeschichten, die in der Oberschicht spielen und riesige Villen mit nubischem Personal, traumhafte Landschaftsaufnahmen und die eleganten Straßen von Kairo und Alexandria zeigen, die ägyptische Variante von Hollywood.

Es folgten weitere fünf Filme, für die er die Lieder komponierte, sang und als Hauptdarsteller mitwirkte. Als er seinen fünften Film 1947 drehte, war er 43 Jahre alt. Danach folgten noch zwei weitere Filme, in denen er nur gesungen hat: Ghazl el-Banat, 1949, mit dem berühmten Schauspieler Nagib al Rehani und Leila Murad und Fi Muntaha al-Farah, 1963.

Diese Filme waren von den schönsten Liedern Mohamed Abdel Wahabs begleitet. Er komponierte innovativ, indem er versuchte, das westliche Leben nachzuahmen und europäische Tanzrhythmen wie Samba, Rumba und Tango verwendete. Bis heute werden diese Lieder in den verschiedenen arabischen Radio- und Fernsehstationen immer noch gesendet.

Ein Jahr nach der Produktion seines ersten Films, sang Mohamed Abdel Wahab 1934 zum ersten Mal im ägyptischen Rundfunk. Er entwickelte eine völlig neue Art der Konposition: rein instrumentale Musikstücke. Diese Kompositionen waren wie die arabisch-türkischen Kompositionsformen Sama'i, Longa oder Bashraf konzipiert, sondern er entwickelte einen neuen, freien Stil. Seine erste Instrumentalkomposition ist ein Stück mit dem Titel Fantasi Nahawand d.h. die Melodie ist im Maqam (Modus) Nahawand verfasst.
Mohamed Abdel Wahab hat bis in die 60er Jahre derartige Stücke komponiert.

Er komponierte sowohl kurze als auch lange Lieder. Hier ist eine Auswahl von seinen kurzen Liedern: Gefnuhu allama al-Ghazal, Endema ya Ati al-Masa'a, El-Lail Lamma Kheli usw.
Die besten, langen Lieder, die er selbst gesungen hat sind Al Gandul, Cilobatra (Cleopatra), Al-Karnak, Hayati enta.

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